[IMI-List] [0698] AUSDRUCK: Schwerpunkt Rheinmetall / IMI-Studie: Österreichs Neutralität / Analyse: Rüstungsland NRW
IMI (jw)
imi at imi-online.de
Di Jun 16 14:59:06 CEST 2026
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Online-Zeitschrift "IMI-List"
Nummer 0698 – 29. Jahrgang
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Liebe Freundinnen und Freunde,
in dieser IMI-List findet sich
1.) der Hinweis auf die neue Ausgabe des IMI-Magazins AUSDRUCK mit dem
Schwerpunkt Rheinmetall.
2.) Der Hinweise auf eine neue IMI-Studie zur österreichischen Neutralität.
3.) Eine IMI-Analyse zum Rüstungsmusterland NRW.
1.) IMI-Magazin (Juni 2026): Rheinmetall
Vom 1. bis zum 6. September wird das Rheinmetall-Entwaffnen-Camp in Köln
stattfinden – auch mit einiger IMI-Beteiligung. Passend dazu dreht sich
der Schwerpunkt der aktuellen Ausdruck-Ausgabe um zahlreiche Facetten
des Konzerns, der eine zunehmend dominierende Rolle in der deutschen
Rüstungslandschaft spielt.
Die Ausgabe kann wie immer gratis komplett hier heruntergeladen werden:
https://www.imi-online.de/download/Ausdruck_2_2026_web.pdf
INHALTSANGABE
SCHWERPUNKT
-- Rüstungsgigant Rheinmetall (Jonas Uphoff)
https://www.imi-online.de/download/01_Uphoff_ Ausdruck_125.pdf
-- Die Zeit des Nazi-Faschismus (Rheinmetall Entwaffnen Rhein-Main)
https://www.imi-online.de/download/02_RME_Rhein-Main_ Ausdruck_125.pdf
-- Nachhaltigkeit durch Sicherheit? (Jacqueline Andres)
https://www.imi-online.de/download/03_Andres_ Ausdruck_125.pdf
-- Keine Waffenproduktion in Berlin! (Milla Mallikas und Lea Fittkow)
https://www.imi-online.de/download/04_Mallikas_Fittkow_ Ausdruck_125.pdf
-- Kooperation mit ICEYE (Ben Müller)
https://www.imi-online.de/download/05_Mueller_ Ausdruck_125.pdf
-- Drohnen von Rheinmetall (Franz Enders)
https://www.imi-online.de/download/06_Enders_ Ausdruck_125.pdf
-- Griff nach Marschflugkörpern (Jürgen Wagner)
https://www.imi-online.de/download/07_Wagner_ Ausdruck_125.pdf
-- ... zu Wasser (Andreas Seifert)
https://www.imi-online.de/download/08_Seifert_ Ausdruck_125.pdf
-- Wechselnde Winde im Panzergeschäft (Malte Lühmann)
https://www.imi-online.de/download/09_Luehmann_ Ausdruck_125.pdf
-- Der aufhaltsame Aufstieg der Rheinmetall AG (Kampagne Stop RWM
Sardinien)
https://www.imi-online.de/download/10_Kampagne_Stop_RWM_ Ausdruck_125.pdf
-- Rheinmetall in Osteuropa (Ben Müller)
https://www.imi-online.de/download/11_Mueller_ Ausdruck_125.pdf
-- Rheinmetall verdient mit Grenzschutz (Jacqueline Andres)
https://www.imi-online.de/download/12_Andres_ Ausdruck_125.pdf
-- OPLAN: Rheinmetall organisiert den Aufmarsch nach Osten (Jonathan
Jokisch)
https://www.imi-online.de/download/13_Jokisch_ Ausdruck_125.pdf
-- Im Schatten des Rüstungsbooms (Charlotte Kehne)
https://www.imi-online.de/download/14_Kehne_ Ausdruck_125.pdf
-- Rheinmetall Entwaffnen! (Bündnis Rheinmetall Entwaffnen)
https://www.imi-online.de/download/15_Buendnis_RME_ Ausdruck_125.pdf
MAGAZIN
DEUTSCH-ISRAELISCHE MILITÄRKOOPERATION
-- Aus Völkerrechtsbrüchen lernen? – Studie zu deutsch-israelischer
Militärkooperation (Melchior Grabowski)
https://www.imi-online.de/download/16_Grabowski_ Ausdruck_125.pdf
KRIEGSFOLGEN
-- Wenn Öl zur Kriegswaffe wird (Jacqueline Andres)
https://www.imi-online.de/download/17_Andres_ Ausdruck_125.pdf
HIGH-TECH-RÜSTUNG
-- Eskalierende KI, wachsender Widerstand (Christoph Marischka)
https://www.imi-online.de/download/18_Marischka_ Ausdruck_125.pdf
-- Woher kommt der „Drohnenwall“? (Franz Enders)
https://www.imi-online.de/download/19_Enders_ Ausdruck_125.pdf
DEUTSCHLAND UND DIE BUNDESWEHR
-- Geschenk für die Rüstungsindustrie – Finanzplanung bis 2030 (Jürgen
Wagner)
https://www.imi-online.de/download/20_Wagner_ Ausdruck_125.pdf
-- Wie konnte das denn passieren? – Zur Debatte um Ausreisegenehmigungen
(Reza Schwarz)
https://www.imi-online.de/download/21_Schwarz_ Ausdruck_125.pdf
-- Neue französisch-deutsche Nuklearetappe (Tobias Pflüger)
https://www.imi-online.de/download/22_Pflueger_ Ausdruck_125.pdf
-- Dynamit Nobel Defence auf dem Vormarsch (Jacqueline Andres)
https://www.imi-online.de/download/23_Andres_ Ausdruck_125.pdf
-- „In Geld gegossenes Scheitern“ - Paradebeispiel Funkgeräte (Jürgen
Wagner)
https://www.imi-online.de/download/24_Wagner_ Ausdruck_125.pdf
-- Zeitenwende oder Zeitreise? – Strategisches Recycling der
Abschreckung (Kiflemariam Gebre Wold)
https://www.imi-online.de/download/25_Gebre_Wold_ Ausdruck_125.pdf
2.) IMI-Studie: Österreichs bröckelnde Neutralität
IMI-Studie2026/05
Österreichs bröckelnde Neutralität
Eine kritische Betrachtung vergangener und gegenwärtiger Militarisierungen
https://www.imi-online.de/2026/06/15/oesterreichs-broeckelnde-neutralitaet/
Lino Siebert (15. Juni 2026)
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Geschichte der Neutralität
Seit EU-Beitritt nicht mehr neutral?
Beistandsklausel
Europäische Friedensfazilität
European Sky Shield Initiative
Aufrüstung und Sicherheitsstrategie
Fazit
Literaturverzeichnis
Einleitung
Österreichs „immerwährende“ Neutralität befindet sich in einem
fortschreitenden Erosionsprozess. Diese Entwicklung resultiert aus einer
Kette verfassungsrechtlicher Veränderungen und sicherheitspolitischer
Entscheidungen seit dem EU-Beitritt 1995 und der Orientierung und
aktiven Teilhabe an der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP)
der EU. Diese hat auf verschiedenen Ebenen Konsequenzen für die
Neutralität Österreichs und stellt sie vor einige Herausforderungen oder
überschreitet diese de facto.
Vor diesem Hintergrund untersucht die vorliegende Arbeit die Frage,
inwiefern Österreich angesichts aktueller sicherheitspolitischer
Entwicklungen auf nationaler und EU-Ebene noch als neutraler Staat
betrachtet werden kann. Im Zentrum stehen fünf Kernbereiche: Die
Beistandsklausel nach Artikel 42 Absatz 7 des EU-Vertrages, die
Europäische Friedensfazilität (EPF), die European Sky Shield Initiative
(ESSI), sowie die Aufrüstung Österreichs und die neue „Österreichische
Sicherheitsstrategie 2024“. Diese Bereiche machen exemplarisch die
Spannung zwischen Neutralitätsrhetorik und faktischer Militarisierung
sichtbar.
Untersucht wird, welche politischen Konsequenzen der fortlaufende Abbau
der Neutralität hat und inwiefern Österreich diesen aktiv vorantreibt,
um sich innerhalb des Prozesses der Militarisierung der EU als Akteur zu
positionieren und dies in Anbetracht der politischen Zukunft Österreichs
zu manifestieren.
Gesamte Studie hier:
https://www.imi-online.de/2026/06/15/oesterreichs-broeckelnde-neutralitaet/
3.) Analyse: Rüstungsmusterland NRW
IMI-Analyse 2026/16
Das Rüstungsmusterland
Wie Nordrhein-Westfalen zum Vorzeigestandort der »Zeitenwende« umgebaut wird
https://www.imi-online.de/2026/06/11/das-ruestungsmusterland/
Alexandra Mehdi und Jürgen Wagner (11. Juni 2026)
Panzer statt Wohnungen, Sonderrechte für die Bundeswehr,
milliardenschwere Aufrüstung und eine Landesregierung, die den roten
Teppich ausrollt: Das Bundesland Nordrhein-Westfalen entwickelt sich
unter »Schwarz-Grün« zu einem Kernland der deutschen Militarisierung.
Was als »Verantwortung« verkauft wird, hat Folgen bis hinein in
Kommunen, Betriebe und Nachbarschaften. Die Bundesländer liefern sich
längst einen regelrechten Überbietungswettbewerb: Wer wird der militär-
und rüstungsfreundlichste Standort Deutschlands? Wer sichert sich die
größten Stücke vom gewaltig und rasch anwachsenden Aufrüstungskuchen?
Ganz vorne dabei sind Bayern, Baden-Württemberg – und Nordrhein-Westfalen.
Die »schwarz-grüne« Landesregierung in Düsseldorf verfolgt dabei eine
bemerkenswert offensive Strategie. Sie reicht von der Unterstützung
explosionsartig anwachsender Militärausgaben auf Bundesebene über
beschleunigten Kasernenbau und Sonderrechte für militärische
Infrastruktur bis hin zur gezielten Förderung der Rüstungsindustrie.
Gleichzeitig wird Nordrhein-Westfalen als logistisches Herzstück einer
möglichen NATO-Kriegführung in Europa ausgebaut. Die viel beschworene
»Zeitenwende« bleibt damit keine abstrakte außenpolitische Formel. Sie
verändert sichtbar das Leben vor Ort – auf kommunaler Ebene, auf dem
Wohnungsmarkt, in der Industriepolitik und selbst in der Verkehrsplanung.
Panzer statt Kitas
Die Militarisierung Nordrhein-Westfalens beginnt nicht erst auf
Truppenübungsplätzen oder in Kasernen. Sie beginnt im Haushalt. Eine
zentrale Weichenstellung erfolgte am 21. März 2025 im Bundesrat. Damals
stimmte auch Nordrhein-Westfalen der faktischen Entgrenzung
militärischer Verschuldung zu. Noch der alte Bundestag hatte nach der
Bundestagswahl im Februar 2025 die Schuldenbremse für
Verteidigungsausgaben ohne zeitliche oder finanzielle Begrenzung
ausgehebelt – ein demokratiepolitisch fragwürdiger Vorgang, der
erkennbar darauf zielte, mögliche zukünftige parlamentarische
Sperrminoritäten zu umgehen.
Mit der Zustimmung der Länder wurde der Weg frei für eine Aufrüstung
historischen Ausmaßes. Im Juni 2025 akzeptierte die Bundesregierung das
neue NATO-Ausgabenziel von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Im
Finanzplan des Bundes von 2026 bis 2030 wurde dies unmittelbar sichtbar:
Der Verteidigungshaushalt soll von 51,95 Milliarden Euro im Jahr 2024
über 62,3 Milliarden Euro (2025), 82,2 Milliarden Euro (2026) und 104,5
Milliarden Euro (2027) auf 149,5 Milliarden Euro (2028), 158,8
Milliarden Euro (2029) und 179,8 Milliarden Euro im Jahr 2030 steigen.
Diese Summen markieren weit mehr als einen politischen Kurswechsel. Sie
bedeuten eine grundlegende Verschiebung staatlicher Prioritäten. Denn
während die Unterfinanzierung der sozialen Infrastruktur regelmäßig mit
einem Verweis auf leere Kassen begründet wird, sind für militärische
Zwecke plötzlich nahezu unbegrenzte Mittel verfügbar. Besonders deutlich
wird dies auf kommunaler Ebene. Städte und Gemeinden ächzen bereits
heute unter struktureller Unterfinanzierung. Die Folgen sind für alle
sichtbar: reduzierte Kitazeiten, ausgedünnter öffentlicher
Personennahverkehr, geschlossene Schwimmbäder, marode Schulen und
wachsender Investitionsstau. Aufrüstung erscheint in dieser Perspektive
nicht als isolierte sicherheitspolitische Entscheidung, sondern als
riesiges Umverteilungsprojekt. Jeder zusätzliche Milliardenbetrag für
den Verteidigungshaushalt verschärft den Druck auf andere öffentliche
Bereiche. Oder zugespitzt formuliert: Während für Panzer plötzlich
Milliarden mobilisiert werden, sollen Kommunen weiterhin mit
Haushaltsnotlagen improvisieren.
Kasernen statt Wohnungen
Nordrhein-Westfalen gehört schon heute zu den wichtigsten
Militärstandorten Deutschlands. Das Verteidigungsministerium sitzt in
Bonn, dort befindet sich auch das sogenannte Kommando Cyber- und
Informationsraum. Der Militärische Abschirmdienst (MAD) residiert in
Köln, in Nörvenich sind »Eurofighter« stationiert und Münster ist Sitz
des 1. Deutsch-Niederländischen Korps, das unlängst mit der
Zuständigkeit für Estland und Lettland betraut wurde. Doch die
bestehende Infrastruktur reicht offenkundig nicht mehr aus. Die
Bundeswehr soll massiv anwachsen – von derzeit rund 185.000 auf etwa
260.000 Soldatinnen und Soldaten. Erreicht werden soll dies zunächst
über den sogenannten Neuen Wehrdienst, perspektivisch dürfte jedoch eine
Rückkehr zur Wehrpflicht folgen.
Schon heute ist die Freiwilligkeit des Modells sehr begrenzt. Alle
männlichen Jugendlichen sollen verpflichtend erfasst und gemustert
werden. Nordrhein-Westfalen verfügt bislang über zwei zentrale
Standorte: das Karrierecenter in Düsseldorf für die allgemeine Musterung
und ein »Assessment-Center« für Offiziersbewerber in Köln. Hinzukommen
sollen neue Musterungszentren in Dortmund und Bielefeld. Mehr
Soldatinnen und Soldaten bedeuten zwangsläufig mehr Platzbedarf. Genau
deshalb stoppte die Bundeswehr im Oktober 2025 die geplante Rückgabe
beziehungsweise Abwicklung von rund 200 Liegenschaften bundesweit – 38
davon allein in Nordrhein-Westfalen. Besonders brisant ist dies dort, wo
auf ehemaligen Militärflächen längst Wohnprojekte geplant waren.
In Paderborn sind auf dem Gelände der Dempsey-Kaserne rund 300
Wohnungen vorgesehen. In Bielefeld könnten sich die Pläne für 640
Wohnungen auf dem Gelände der Rochdale-Kaserne als Makulatur erweisen.
In Gütersloh stehen rund 1.000 geplante Wohnungen auf dem Gelände der
Mansergh-Kaserne auf dem Spiel, ebenso in Düsseldorf auf dem Gelände der
Bergischen Kaserne. Gerade in Nordrhein-Westfalen, wo steigende Mieten
und fehlender Wohnraum längst zu den drängendsten sozialen Problemen
zählen, ist dies mehr als eine Randnotiz. Die Militarisierung hat
konkrete soziale Folgen.
Wo Wohnungen entstehen könnten, sollen künftig wieder Kasernen stehen.
Und die Landesregierung? Sie tritt bislang kaum als Verteidigerin
kommunaler Wohnungsinteressen in Erscheinung. Statt dessen konzentriert
sich ihre Politik vor allem darauf, rechtliche Hürden für militärische
Bauprojekte abzubauen.
Blankoscheck für Bundeswehr
Dass Nordrhein-Westfalen bei der militärischen Modernisierung nicht nur
mitzieht, sondern vorangeht, zeigt sich besonders deutlich in der
Baupolitik. Am 20. Januar 2026 beschloss das Landeskabinett das »Dritte
Gesetz zur Änderung der Landesbauordnung 2018 und weiterer Vorschriften
im Land Nordrhein-Westfalen«. Was technokratisch klingt, bedeutet
politisch eine erhebliche Sonderstellung für militärische Bauprojekte.
Der zuständige Finanzminister Marcus Optendrenk (CDU) formulierte dies
in einer Pressmitteilung des Landes vom 23. Januar 2026 bemerkenswert
offen: „Für militärische Bauten in unserem Land muss künftig kein
Baugenehmigungsverfahren mehr angestrengt werden. Das ist eine
bahnbrechende Neuerung, um Bauvorhaben für die Bundeswehr schneller und
unbürokratischer von der Planung zur Umsetzung zu bringen.“
Was für sozialen Wohnungsbau, kommunale Einrichtungen oder
Infrastrukturprojekte oft jahrelange Verfahren, Einsprüche und
bürokratische Prüfungen bedeutet, soll für militärische Infrastruktur
plötzlich drastisch beschleunigt werden. Mit anderen Worten: Die
Bundeswehr erhält faktisch einen Blankoscheck zum Bauen. Dabei geraten
selbst denkmalgeschützte Gebäude zunehmend unter Druck.
Nach Angaben des Kölner Stadt-Anzeigers vom 12. April 2026 geht es
allein in Nordrhein-Westfalen um 513 militärische Bauvorhaben mit einem
Volumen von rund 560 Millionen Euro – vielfach geht es dabei um die
Renovierung oder den Ausbau von Kasernen aus der Zeit zwischen 1900 und
1930. Der Denkmalschutz erscheint der Landesregierung dabei zunehmend
als Störfaktor, wie Optendrenk unterstreicht: »Wir halten uns an unsere
denkmalrechtlichen Pflichten, verschlanken aber die
Genehmigungsverfahren auch hier. Konkret bedeutet das: Wenn die Obere
Denkmalbehörde einer geplanten Maßnahme nicht innerhalb eines Monats
widerspricht, kann diese starten. Denn wir werden bei der Mammutaufgabe,
den Aufwuchs der Bundeswehr zu unterstützen, nicht an der Nutzung
denkmalgeschützter Kasernen vorbeikommen. Wir nehmen als Land unsere
Verantwortung wahr, die Verteidigungsinfrastruktur so rasch wie möglich
zu modernisieren.«
Rüstungsstandort
Nordrhein-Westfalen ist nicht nur Militärstandort, sondern längst auch
ein Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie. Der AFCEA-Verband
(Anwenderforum für Fernmelde- und Computertechnik, Elektronik und
Automatisierung) hat seinen Sitz in Bonn. Er vertritt vornehmlich IT-
und Softwarefirmen, orientiert sich aber ganz wesentlich am Bedarf einer
militärisch verstandenen „Sicherheit“. Im Mittelpunkt steht aber
Rheinmetall mit Sitz in Düsseldorf – jener Konzern, der sich zum
ökonomischen Gewinner der »Zeitenwende« entwickelt hat. Sein Umsatz soll
allein 2026 zwischen zwölf und 14 Milliarden Euro liegen. Doch
Rheinmetall ist keineswegs allein. In Mülheim an der Ruhr produziert der
Panzerbauer KNDS Panzerstahl, in Remscheid entstehen Panzerketten. In
Burbach produziert Dynamit Nobel Defence Panzerabwehrwaffen. Die
Landesregierung will diese Entwicklung nicht nur begleiten – sie will
sie forcieren.
Laut Handelsblatt (14.2.2026) soll Nordrhein-Westfalen »zum
entscheidenden Standort für Hightech aus der Rüstungsindustrie werden«.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei das sogenannte Production Launch Centre
Defence (PLCD), dessen Aufbau 2026 auf der Münchner
»Sicherheitskonferenz« angekündigt wurde. Ziel sei es, Forschung,
Wirtschaft und Innovationscluster systematisch auf militärische Bedarfe
von Bundeswehr und NATO auszurichten. Ursprünglich waren Rheinmetall,
Lockheed Martin, Mubea und das Land NRW mit an Bord. In einer
Pressemitteilung vom 10. Juni 2026 informierte das Land, dass sich nun
auch Siemens, die RWTH Aachen, Leonardo und CGI beteiligen würden.
Besonders der Einstieg der RWTH Aachen sei ein „wichtiges Signal“, meint
Wirtschafts- und Klimaschutzministerin Mona Neubaur: „Das Production
Launch Centre Defence wird kein reines Industriecluster, sondern ein
Ökosystem, in dem Spitzenforschung, Digitalisierung und
Rüstungskompetenz zusammenwachsen. Wir nehmen unsere Verantwortung für
Europas Souveränität ernst und leisten einen entscheidenden Beitrag zur
Resilienz des Landes – in Nordrhein-Westfalen, in Europa und im
Weltraum.“ Als möglicher Standort gilt das Rheinische Revier – jene
Region, die nach dem Kohleausstieg eigentlich für sozial-ökologische
Transformation stehen sollte. Ausgerechnet dort könnte nun ein
militärisch-industrielles Innovationszentrum entstehen.
Besonders weitreichend ist der Versuch, zivile Industrie auf
militärische Produktion auszurichten. Mit der Plattform defence.nrw
startete das Wirtschaftsministerium bereits 2025 eine gezielte
Vernetzungsinitiative. Die Botschaft der Landesregierung ist eindeutig:
Unternehmen aus der Auto-, Maschinenbau-, Werkstoff- oder Digitalbranche
sollen ihre Kompetenzen künftig verstärkt für militärische Produktion
einsetzen. Die grüne Wirtschaftsministerin Mona Neubaur spricht dabei
offen von neuen Chancen für Branchen unter wirtschaftlichem Druck.
Tatsächlich zeichnet sich in Nordrhein-Westfalen bereits eine
schleichende Konversion in umgekehrter Richtung ab: nicht von
militärischer zu ziviler Produktion – sondern von ziviler Industrie zur
Rüstung. Rheinmetall baut etwa in Weeze nahe der niederländischen
Grenze seine Fertigung für Teile des F‑35-Kampfjets aus. Standorte wie
Neuss, die bislang für den Automobilsektor produzierten, werden
zunehmend auf militärische Produktion umgestellt. Auch andere
Unternehmen orientieren sich neu. Der Kölner Motorenhersteller Deutz
übernahm einen Hersteller elektrischer Drohnenantriebe und kooperiert
inzwischen mit einem Robotikunternehmen für unbemannte Bodenfahrzeuge.
Beim Konsumgüterkonzern Henkel wird über einen Ausbau rüstungsnaher
Bereiche spekuliert. Der Bocholter Getriebespezialist Flender prüft
offenbar den Einstieg in die Panzerproduktion. In der Öffentlichkeit
wird dies häufig als industriepolitische Rettungsstrategie verkauft.
Doch die Vorstellung, Arbeitsplatzverluste in klassischen Industrien
könnten durch Rüstungsproduktion nachhaltig kompensiert werden, bleibt
nicht nur unter Pazifistinnen und Pazifisten höchst umstritten.
Rüstungsbooms sind politisch abhängig, stark staatlich subventioniert
und kaum geeignet, langfristige industrielle Stabilität zu garantieren.
Vor allem aber stellt sich eine grundsätzliche Frage: Soll die Zukunft
industrieller Beschäftigung tatsächlich von der Produktion militärischer
Güter abhängen? Sollen die Produktion und die Arbeitsplätze von der
Nachfrage nach Kriegsgerät abhängen und damit davon, dass Kriege
weitergeführt werden oder neue entstehen?
Bemerkenswert klar positionierten sich hierzu Anfang 2026 die
Vertrauensleute der IG Metall bei Ford in Köln. Mit einer Erklärung
unter dem Titel »Nein zur Kriegswirtschaft – Wir geben unsere Kinder
nicht für Kriege!« wandten sie sich gegen Spekulationen über eine
mögliche Umrüstung des Werks. Darin wird eine fundamentale Kritik
formuliert: »In Deutschland werden bereits erste Werke zur Umstellung
auf Rüstungsproduktion gesucht. Wer uns damit Arbeitsplätze verspricht,
versucht auf üble Weise die Existenzängste der Belegschaften in der
Autoindustrie auszunutzen. Aufrüstung sichert nicht den Frieden, sondern
bereitet Kriege vor. (…) Aufrüstung und Kriegswirtschaft sind gegen die
Interessen der Kolleginnen und Kollegen und unserer Familien und
widersprechen unseren gewerkschaftlichen Zielen. (…) Wir rufen den
IG-Metall-Vorstand und alle Mitglieder auf: Nein zum Umbau auf
Kriegswirtschaft!«
Durch NRW zur Ostflanke
Die Militarisierung Nordrhein-Westfalens endet nicht an Werkstoren oder
Kasernen. Sie reicht bis in die Verkehrsplanung und Logistik hinein. Im
militärischen Ernstfall wäre das Bundesland ein zentrales Drehkreuz der
NATO. Viele Transporte der NATO-Truppen »würden faktisch über Holland,
Belgien, Nordrhein-Westfalen, Deutschland nach Polen oder in die
baltischen Staaten, aber auch etwas weiter südöstlich Richtung Rumänien
und Bulgarien geschafft werden«, erklärt General a. D. Egon Ramms. Auch
der Chef des Landeskommandos Nordrhein-Westfalen, Brigadegeneral
Hans-Dieter Müller, betont die diesbezügliche Bedeutung laut WAZ vom
24.11.2025 folgendermaßen: »Aufgrund der geografischen Lage im ›Herzen
Deutschlands‹ und als bevölkerungsreichstes sowie wirtschaftlich
stärkstes Bundesland komme NRW eine besondere Rolle zu. Viele
Hauptverkehrsrouten führten durch NRW. Etwa, wenn alliierte Streitkräfte
in den Häfen der Niederlande anlegten und von dort an die NATO-Ostflanke
verlegt würden.«
Schon heute werden entsprechende Verlegungen regelmäßig geprobt. Immer
größere Militärkonvois rollen durch Europa, um Abläufe für den Ernstfall
zu testen. Bisher mussten solche Transporte bei zivilen Behörden
angemeldet und genehmigt werden. Hintergrund waren außerordentliche
Belastungen für Straßen, erhebliche Verkehrsbehinderungen und Risiken
für die ohnehin marode Infrastruktur. Doch auch hier greift
Nordrhein-Westfalen regulierend ein – zugunsten des Militärs.
Ende 2025 vereinbarte Verkehrsminister Oliver Krischer (Bündnis 90/Die
Grünen) mit dem Landeskommando Nordrhein-Westfalen neue Regeln: Viele
militärische Straßentransporte müssen künftig lediglich angekündigt
werden. Aufwendige Genehmigungen entfallen. Was im Alltag für
Schwertransporte oder kommunale Baustellen gilt, soll für
Militärkolonnen nicht mehr gelten. Wenn Panzer rollen, hat der zivile
Verkehr offenbar zurückzutreten.
Besonders tiefgreifend ist die Entwicklung rund um den geheimen
»Operationsplan Deutschland« (Oplan Deu). Dabei handelt es sich um eine
Art militärischen Aufmarschplan für den Krisen- oder Kriegsfall (vgl.
dazu junge Welt vom 26.11.2025). Neu ist vor allem die systematische
Einbindung ziviler Akteure. Entlang der geplanten Verlegungsrouten
sollen sogenannte Convoy Support Center entstehen – Rast- und
Versorgungsräume für Truppenbewegungen. Dort sollen Soldatinnen und
Soldaten versorgt, Fahrzeuge betankt und medizinische Hilfe organisiert
werden.
Bemerkenswert ist dabei die Rolle ziviler Strukturen. Nach Aussagen des
zuständigen Kommandeurs für Territoriale Aufgaben sollen
Mineralölunternehmen Treibstoff liefern, zivile Caterer die Verpflegung
übernehmen und Hilfsorganisationen wie Johanniter, Malteser oder
Deutsches Rotes Kreuz medizinische Unterstützung leisten. Der Krieg wird
damit organisatorisch tief in zivile Infrastruktur eingebettet. Auch in
Nordrhein-Westfalen führt die Bundeswehr bereits Gespräche mit
Landrätinnen und Landräten, Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, um
Kommunen auf ihre Rolle in der zivil-militärischen Zusammenarbeit
vorzubereiten. Die Grenze zwischen zivilem Alltag und militärischer
Infrastruktur droht damit, zu verschwimmen.
Alles für den Krieg
Nordrhein-Westfalen war schon immer ein bedeutender Militärstandort.
Doch unter der »schwarz-grünen« Regierungskoalition wird daraus immer
mehr auch ein politisches Entwicklungsmodell. Kasernen statt Wohnungen,
Sonderrechte für militärisches Bauenm Industriepolitik zugunsten der
Waffenbranche, freie Fahrt für Militärtransporte und die schrittweise
Einbindung ziviler Infrastruktur in militärische Planungen – die
Landesregierung präsentiert all dies als sicherheitspolitische
Verantwortung.
Doch die Folgen dieser Politik sind längst konkret sichtbar. Während
Milliarden in Aufrüstung fließen, verschärft sich der Druck auf Kommunen
und soziale Infrastruktur. Wohnungsbauprojekte geraten ins
Hintertreffen, zivile Industrie wird auf militärische Verwertungslogiken
ausgerichtet, und demokratische Verfahren werden dort beschleunigt oder
ausgehebelt, wo sie militärischen Interessen im Weg stehen. Die
sogenannte Zeitenwende erscheint damit nicht als sicherheitspolitische
Ausnahme, sondern als umfassender gesellschaftlicher Umbau: weg von
sozialer Daseinsvorsorge, hin zu einer Politik der Kriegstüchtigkeit.
Nordrhein-Westfalen soll dabei offenbar Vorbild sein – als
Logistikdrehscheibe der NATO, als Wachstumsmarkt der Rüstungsindustrie
und als Laboratorium militärischer Sonderrechte. Gerade deshalb braucht
es Widerspruch. Ein Bundesland, das Wohnungen gegen Kasernen eintauscht,
Industriepolitik auf Waffenproduktion ausrichtet und zivile
Infrastruktur militärischen Bedürfnissen unterordnet, darf kein
Zukunftsmodell sein. Die Vorstellung eines »kriegstüchtigen«
Nordrhein-Westfalens verdient keine politische Begeisterung, sondern
entschiedene Ablehnung. Denn eine soziale und demokratische Gesellschaft
entsteht nicht durch immer neue Aufrüstungsschübe, militärische
Standortpolitik und die Normalisierung von Kriegsvorbereitung. Wer
Nordrhein-Westfalen zu einem Musterland der »Zeitenwende« machen will,
organisiert nicht Sicherheit oder garantiert Arbeitsplätze, sondern
treibt die Militarisierung voran.
Bei diesem Text handelt es sich um eine aktualisierte und erweiterte
Fassung eines Artikels, der zuerst in der jungen Welt vom 9. Juni 2026
erschien.
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