[IMI-List] [0699] 30 Jahre IMI / Datum IMI-Kongress / NATO-Gipfel

IMI (jw) imi at imi-online.de
Do Jul 9 16:13:52 CEST 2026



----------------------------------------
Online-Zeitschrift "IMI-List"
Nummer 0699 – 29. Jahrgang
----------------------------------------


Liebe Freundinnen und Freunde,

in dieser IMI-List findet sich

1.) die Einladung zur Feier unseres 30jährigen Bestehens und sich am 
damit verbundenen Reflexionsprozess zu beteiligen;

2.) der Hinweis auf das Datum des diesjährigen IMI-Kongresses;

3.) eine erste Kurzauswertung des NATO-Gipfels in Ankara;

4.) ein persönlicher Rückblick auf 25 Jahre bei der IMI bezogen auf das 
Thema „Afrika“.


1.) 30 Jahre IMI

Die Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V. wurde 1996 gegründet 
und besteht damit seit mittlerweile 30 Jahren. Angesichts der Weltlage 
ist uns einerseits nicht nach Feiern zumute. Ein guter Anlass für einen 
Rück- und Ausblick, ein Wiedersehen mit alten und neuen 
Mitstreiter*innen ist so ein runder Geburtstag trotzdem. Deshalb wird 
einerseits

*am Samstag, 8. August 2026 ab 17 Uhr beim Sudhaus in Tübingen*

eine kleine Feier stattfinden, zu der wir hiermit herzlich einladen. Zur 
besseren Planung bitten wir um Anmeldung.

Andererseits wollen wir das Jubiläum auch zum Anlass für einen Rückblick 
auf diese 30 Jahre nehmen: die Schritte zur Militarisierung der 
deutschen Außenpolitik – die ja nicht erst mit der Zeitenwende 
angefangen hat – die Reaktionen der sozialen Bewegungen hierauf und 
nicht zuletzt auch die Rolle der IMI. Hierzu haben wir bereits erste 
Autor*innen angesprochen und Texte gesammelt – ein Beispiel hierfür 
findet sich am Ende dieser Mail.

Details zum Geburtstagsfest und eine kontinuierlich erweiterte Liste mit 
Grußwörtern und Beiträgen zu unserem Reflexionsprozess finden sich auf 
unserer Sonderseite „30 Jahre IMI“: 
https://www.imi-online.de/termine-veranstaltungen/30-jahre-imi/

Wir freuen uns auch über weitere Grußwörter und Beiträge zum 
Reflexionsprozess!


2.) Save the Date: IMI-Kongress 2026

Mittlerweile haben die Themenfindung und weiteren Vorbereitungen zum 
IMI-Kongress begonnen. Er wird

*am 14. und 15. November 2026*

wieder in der Mensa Uhlandstrasse in Tübingen stattfinden. Näheres zu 
Thema und Programm werden wir in den kommenden Monaten mitteilen.


3.) NATO-Gipfel in Ankara

Beim NATO-Gipfel in Ankara klopften sich die Staats- und Regierungschefs 
primär auf die Schulter, wie „gut“ sie in Sachen Aufrüstung 
vorangekommen sind. Die eigentliche mutmaßlich auf dem Gipfel endgültig 
eingetütete sprichwörtliche Bombe platzte erst einen Tag nach seiner 
Beendigung mit der Regierungserklärung von Friedrich Merz, die USA 
würden nun doch Tomahawk-Marschflugkörper liefern, die in Deutschland 
stationiert werden sollen. Eine kurze Auswertung des NATO-Gipfels findet 
sich hier:

IMI-Standpunkt 2026/034
„Sozial unverträglich“
NATO-Gipfel konstatiert bahnbrechende Rüstungsfortschritte
https://www.imi-online.de/2026/07/09/sozial-unvertraeglich/
Jürgen Wagner (9. Juli 2026)


4.) Rückblick auf Einsätze Deutschlands und der EU auf dem afrikanischen 
Kontinent

Wie gesagt wollen wir das 30jährige Bestehen auch für themenspezifische 
Rückblicke und laden alle ein, sich an diesem Reflexionsprozess zu 
beteiligen. Ein erster solcher Beitrag beschäftigt sich mit Einsätzen 
der Bundeswehr und der EU seit 2003 und welche Rolle sie rückblickend 
für den hiesigen Diskurs und das Denken über Militär gespielt haben. 
Weitere solche Beiträge werden wir auf unserer Sonderseite dokumentieren:
https://www.imi-online.de/termine-veranstaltungen/30-jahre-imi/

IMI-Standpunkt 2026/033
„Afrika“ und die Militarisierung der deutschen Außenpolitik
Zum 30-jährigem Jubiläum: Ein persönlicher und themenspezifischer 
Rückblick auf 25 Jahre bei der IMI
https://www.imi-online.de/2026/07/03/afrika-und-die-militarisierung-der-deutschen-aussenpolitik/ 

Christoph Marischka (3. Juli 2026)

Dieser Beitrag ist bewusst subjektiv und ohne Rückgriff auf Quellen aus 
der Erinnerung geschrieben. Er kann damit Ungenauigkeiten enthalten – 
und ein das eine oder andere Augenzwinkern.

1998 begann ich in Tübingen Politikwissenschaft zu studieren und war 
schnell sehr frustriert, wie wenig in diesem Kontext die damalige 
Zeitenwende, die Beteiligung Deutschlands an einem völkerrechtswidrigen 
Angriffskrieg gegen Rest-Jugoslawien, diskutiert wurde. Für mich als 
jungen Antifaschisten, der in der AZ-Bewegung sozialisiert worden war, 
war das ein Skandal.

Kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York begann ich 
mein Praktikum bei der Informationsstelle Militarisierung (IMI), im 
damals noch recht frisch bezogenen Büro im Sudhaus, wo seinerzeit außer 
den jeweiligen Praktikant*innen eigentlich nur Jürgen dauerhaft 
arbeitete. Ich fühlte mich dort ziemlich wohl und empfand die Tätigkeit 
bei der IMI um ein Vielfaches sinnvoller als mein Studium, belegte also 
bald den zweiten dauerhaften Arbeitsplatz, an dem ich auch einen 
Großteil der Leistungen erbrachte oder vorbereitete, die für das Studium 
erforderlich waren.

Soweit ich mich erinnere, waren wir bei IMI damals – neben den 
„Dauerbrennern“ KSK und Bundeswehr und Rechtsextremismus – v.a. mit der 
von Schröder ausgerufenen „uneingeschränkten Solidarität“ mit den USA, 
dem sich schleichend ausweitenden Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan 
und der Militarisierung der Europäischen Union beschäftigt. 
Wissenschaftlich interessierte ich mich damals für Foucault und seine 
Diskurstheorie und die damals hippe Theorie des Ausnahmezustandes. Mit 
militärischen Fragen im engeren Sinne befasste ich mich dann erstmals ab 
2003, als die „erste autonome EU-Militärmission“ in der Demokratischen 
Republik Kongo vorbereitet und durchgeführt wurde. Wer erinnert sich 
noch daran?

Manöver am Kongo

Ich empfand das damals gleich als den nächsten Dammbruch, dass deutsche 
Soldaten nun wieder „im Herzen Afrikas“ für „Ordnung“ sorgen und damit 
die EU als militärischen Akteur etablieren sollten. Etwas reflexhaft 
assoziierte ich das mit „Kolonialismus“ und der Ausbeutung von 
Rohstoffen und konnte damit an eine ähnlich reflexhafte Empörung in 
Teilen des linken bis hinein ins bürgerliche Spektrum andocken. Außer 
der damals noch in Umfang und Relevanz überschaubaren 
„sicherheitspolitischen Filterblase“ und EU-Enthusiasten fand deutsche 
Soldaten am Kongo eigentlich niemand so richtig gut. Viel darüber 
gesprochen wurde jedoch nicht, denn Außen- und Militärpolitik war damals 
in Deutschland eigentlich noch kein Thema, fand kaum auf den Titelseiten 
statt und war auch noch nicht so „gleichgerichtet“. Meine reflexhaften 
Assoziationen fanden sich auch in manchem Kommentar in den Leitmedien 
wieder.

Die auch leitmedial geäußerte Kritik an der nach der griechischen 
Jagdgöttin (Artemis) benannten EU-Mission in der DR Kongo hatte mit 
meiner gemeinsam, dass wir in unserer Skandalisierung den tatsächlichen 
Einfluss von wenigen hundert europäischen Soldaten für kaum drei Monate 
in der Provinzhauptstadt Bunia innerhalb der riesigen und 
vielschichtigen DR Kongo maßlos überschätzten. Im Verlauf und im 
Nachgang wurde immer klarer, dass die europäischen Kräfte fast 
ausschließlich mit ihrer eigenen Logistik und dem Selbstschutz 
beschäftigt waren und eigentlich nur wenige, mehr oder weniger 
inszeniert wirkende Patrouillenfahrten in ziemlich sicheren Gebieten 
stattfanden. Das ganze diente offenbar viel mehr als großangelegte Übung 
unter einsatznahen Bedingungen als der Sicherung von Rohstoffen oder 
ähnlichem – einen kolonialen Charakter hatte es damit natürlich trotzdem.

Diese Überschätzung der Wirksamkeit kleiner militärischer Eingriffe über 
eine Distanz von tausenden Kilometern teilten wir wiederum mit 
denjenigen in der politischen Arena dominierenden Stimmen, die den 
Einsatz befürworteten bzw. als Notwendigkeit darstellten – oder gingen 
ihnen damit auf den Leim. Sie konnten freilich nicht zugeben, dass es 
sich bei dem ersten EU-Militäreinsatz auf dem afrikanischen Kontinent, 
den damit verbundenen Kosten und Risiken, eigentlich nur um eine große 
Übung und eine Inszenierung EU-europäischer Handlungsfähigkeit handelte. 
Stattdessen wurde hier mit der Sicherung von Frieden, dem Schutz von 
Menschenleben, der Beendigung eines Bürgerkrieges und – natürlich – 
„Verantwortung“ argumentiert.

Das Spektrum der „Fähigkeiten“, die mit dem Artemis-Einsatz beübt 
wurden, ist groß. Zunächst ging es um die Entscheidungsfindung (und auch 
Finanzierung) für einen militärischen Einsatz auf EU-Ebene, um die 
Zusammenstellung einer multinationalen Truppe mit halbwegs 
funktionierender Befehlskette und um eine militärische Logistik, die 
sich hier erstmals nicht auf NATO/USA, sondern auf französische Basen 
und private Anbieter abstützte. All das wäre bei einem riskanteren und 
robusterem Einsatz, bei dem es „wirklich um etwas geht“, deutlich 
komplizierter gewesen – gerade auch auf politischer Ebene.

Beübt wurde außerdem auf verschiedenen Ebenen die Kommunikation: Auf 
Ebene der UN – von deren Generalsekretär wie bestellt eine Bitte um 
einen solchen Einsatz kam; in der Zusammenarbeit mit den Massenmedien, 
die in den Monaten vor dem Einsatz besonders viel über das Elend in der 
Provinz Ituri berichteten; unter aufstrebenden 
Politikwissenschaftler*innen und innerhalb der recht neuen Kaste der 
„Sicherheitspolitiker*innen“, die den Verantwortungsdiskurs pflegten und 
die Entsendung europäischer Soldaten in die DR Kongo als Friedensmission 
etikettierten; zuletzt auch auf der Ebene der „operativen 
Kommunikation“, mit der vor Ort die durchaus auch kritisch betrachtete 
Rückkehr europäischer Militärs als „Hilfe“ legitimiert und freundliche 
Bilder für die „Heimatfront“ produziert werden sollten.

Zusammenarbeit mit UN und AU

Von besonderer Relevanz war zu jener Zeit die militärische und 
diplomatische Kooperation der EU als neuem internationalen Akteur mit 
der UN. Der Einsatz 2003 in der DR Kongo galt auch hier als Testlauf für 
folgende Einsätze, vor allem auf dem afrikanischen Kontinent. Die EU 
versuchte dabei, ein neues Modell der Zusammenarbeit zu etablieren, in 
der sie nicht primär Soldaten für UN-geführte Einsätze bereitstellt, 
sondern flankierend zu größeren UN-Missionen (die einen Großteil des 
Risikos tragen und der Logistik absichern) und unter deren Mandat aber 
eigenem Kommando EU-Einsätze durchführt, welche die jeweiligen 
UN-Missionen „unterstützen“ oder „ergänzen“, aber auch die Durchsetzung 
eigener Interessen ermöglichen sollten. Solche Modelle wurden im 
Anschluss zunächst 2006 erneut in der DR Kongo, 2007-2009 in Tschad und 
der Zentralafrikanischen Republik, ab 2008 in (bzw. vor der Küste von) 
Somalia und ab 2012 in der westlichen Sahel-Region (Mali, Niger) 
weiterentwickelt. Dabei fokussierte sich das EU-europäische Engagement 
zunehmend bei Küstenstaaten auf die Überwachung derer Gewässer (durchaus 
in eigenem Interesse) und den Aufbau lokaler Militär- und 
Polizeieinheiten – von denen meist bald ebenso wenig übrig war wie vom 
zuvor geheuchelten Verantwortungsbewusstsein europäischer Eliten 
gegenüber den betreffenden Staaten oder Gesellschaften.

Flankiert wurden diese Militär- (und Polizei-)Einsätze der EU von der 
„Unterstützung“ beim Aufbau einer „Afrikanischen 
Sicherheitsarchitektur“. Die Idee bestand darin, die zuvor eher 
antikolonial geprägte Afrikanische Union (AU) als eine Art 
Militärbündnis mit Interventionsrechten in den Mitgliedsstaaten 
umzubauen. Hierzu sollten in den regionalen Organisationen für den 
Westen, den Osten, das Zentrum und den Süden des Kontinents sowie auf 
kontinentaler Ebene gemeinsame Entscheidungsstrukturen und 
Eingreifkräfte aufgebaut werden. Besonders praktisch: Zumindest größere 
Einsätze der AU oder der Regionalorganisationen wären logistisch und 
finanziell von der EU abhängig gewesen, die damit eine Art Veto-Recht 
gehabt hätte. De facto lief der „Aufbau einer afrikanischen 
Sicherheitsarchitektur“ vor allem darauf hinaus, dass die EU und v.a. 
ihre Mitgliedsstaaten in den jeweils mit ihnen „verbündeten“ 
afrikanischen Staaten Militär und Gendarmeriekräfte ausbildeten, diesen 
nicht-militärische (EU) und militärische Ausrüstung zukommen ließen und 
hierzu kleinere Kontingente oder Verbindungsoffiziere stationieren 
durften. Die IMI hat das damals als eine Art Europäisierung der 
französischen Form postkolonialer Einflussnahme und als Beitrag zur 
Militarisierung des afrikanischen Kontinents kritisiert, während sich 
mindestens eine Generation Politikwissenschaftler*innen und 
aufstrebender „Sicherheitspolitiker*innen“ unter Begriffshülsen wie 
„African ownership“ Planspielen zur Umgestaltung und Stabilisierung 
eines ganzen Kontinents hingeben konnten – von denen heute so gut wie 
nichts mehr übrig ist. Die letzte nennenswerte Editierung des Beitrages 
zur „Afrikanische[n] Friedens- und Sicherheitsarchitektur“ in der 
deutschsprachigen Wikipedia z.B. erfolgte im Jahr 2022.

Schleichende Dammbrüche, frustrierende Debatten

Obwohl sie im Einzelnen vor Ort militärisch wie politisch folgenlos bis 
kontraproduktiv waren, erfüllten die Einsätze der EU und der Bundeswehr 
zumindest hierzulande teilweise ihre Zwecke. Sie begleiteten den Aufbau 
einer gemeinsamen EU-Außen und -Militärpolitik durch die Schaffung neuer 
Institutionen und Gremien wie die Aufstellung des gemeinsamen 
Europäischen Auswärtigen Dienstes, denen sie als eine Art Testfeld 
dienten, als Anwendungsfälle, die auch im Falle des Scheiterns keine 
großen Konsequenzen hatten. Auch die African Peace Facility, mit der der 
Aufbau einer „Afrikanischen Sicherheitsarchitektur“ unterstützt werden 
sollte, lässt sich aus heutiger Sicht als bescheidener Testlauf für jene 
European Peace Facility interpretieren, aus der heute in deutlich 
größerem Umfang Militärgüter in die Ukraine geliefert (bzw. bezahlt) werden.

Zugleich dienten die Einsätze auf dem afrikanischen Kontinent 
hierzulande einer schleichenden Enttabuisierung des Militärischen 
innerhalb der vermeintlichen „Friedensmacht EU“ – noch so ein Konzept, 
das jahrelang politikwissenschaftliche Debatten prägte – und der Präsenz 
deutscher und europäischer Soldaten in afrikanischen Ländern. Als Anfang 
2014 Gauck (damals Bundespräsident), Steinmeier (damals Außenminister) 
und von der Leyen (damals Verteidigungsministerin) auf der Münchner 
Sicherheitskonferenz für Deutschland mit Nachdruck eine Rolle als 
Großmacht reklamierten, verwiesen alle drei explizit auch auf „Afrika“. 
Das war zu jener Zeit lange kein Skandal mehr, es war längst Normalität, 
dass EU-Kriegsschiffe vor Nord- und Ostafrika kreuzten, deutsche 
Soldaten in verschiedenen Ländern des Kontinents stationiert waren und 
deutsche Polizei dort ihre Konzepte von Polizeiarbeit, Grenzkontrollen 
und Aufstandsbekämpfung vermittelte.

Diese Enttabuisierung und Normalisierung vollzog sich durch 
wiederholende Debatten, in denen die wachsende und sich 
professionalisierende Kaste der „Sicherheitspolitiker*innen“ und 
-“Expert*innen“ wieder und wieder ihren Verantwortungsdiskurs pflegten 
und jegliches deutsches oder europäisches Interesse kaschierten. Auf die 
Dauer prägten sie damit zunehmend erfolgreich den leitmedialen Diskurs 
und auch in linken Milieus wich der 2003 noch deutlich erkennbare, 
vielleicht etwas reflexhafte Verdacht, es gehe um Rohstoffe und 
koloniale Ambitionen, stückchenweise der Annahme, manchmal müsse eben 
doch der weiße Mann schwarze Frauen vor schwarzen Männern schützen – 
oder letztere „ertüchtigen“, das eben selbst zu tun. Bei jedem einzelnen 
Einsatz gab es Teile der Linken, die diesmal eben doch meinten, für ein 
militärisches Eingreifen streiten zu müssen, und damit ihre zuvor oft 
vorhandene grundsätzliche Ablehnung von Auslandseinsätzen der Bundeswehr 
für immer aufgaben – ganz unabhängig von der konkreten, oft nicht 
wahrnehmbaren oder gar desaströsen Bilanz dieses Eingreifens. 
Beispielhaft nachvollziehen lässt sich das an den verschiedenen Debatten 
innerhalb der Linkspartei, bei denen gerade die Zusammenarbeit mit der 
UN oft als Anlass für Forderungen genommen wurde, von der 
grundsätzlichen Ablehnung solcher Mandate zu einer „Einzelfallprüfung“ 
überzugehen. Nur ein Teil der jeweiligen Fraktionen verstand, dass es 
dabei nicht um eine Stärkung, sondern um eine Instrumentalisierung der 
Vereinten Nationen ging.

Im Grunde wurde wie gesagt jedes Mal dieselbe Debatte geführt: Mit 
Verweis auf das allgemeine Elend und spezifische Kriegsverbrechen und 
unter der Prämisse, dass ein kleiner europäischer Militäreinsatz hieran 
etwas ändern könnte, wurden solche gefordert und vorbereitet. Im 
Hinblick auf die DR Kongo ließen sich beispielsweise mit Verweis auf 
hunderttausendfache Vergewaltigungen feministisch organisierte Menschen 
überzeugen und einspannen; beim desaströsen NATO-Krieg gegen Libyen 
waren es (wie später auch zu Syrien) Teile des anarchistischen und 
aktivistischen Spektrums, die ein militärisches Eingreifen an der Seite 
eines (vermeintlichen) demokratischen Aufstand befürworteten; in Mali 
forderten Teile des uns eigentlich nahestehenden Netzwerks 
Afrique-Europe-Interact sogar eine Stärkung der Bundeswehr-Präsenz – was 
zu teilweise recht giftigen Auseinandersetzungen führte.

Wie ich zum „Afrika-Experten“ wurde

Wir wollten es in den jeweiligen Diskussionen nicht bei grundsätzlichen 
Argumenten belassen: dass Staaten und Soldaten keine Werte verfolgen, 
sondern Interessen; dass die Präsenz begrenzter militärischer 
Kontingente nichts gegen eine Kriegskultur der Vergewaltigung ausrichten 
kann; dass die Lieferung von Waffen und die Ausbildung junger Menschen 
zu Soldaten wenig zur „Stabilisierung“ beiträgt und diese ohnehin nur 
eine Chiffre für Einflussnahme darstellt. Wie es sich für einen 
europäischen Politikwissenschaftler zu gehören scheint, habe ich deshalb 
vor allem in den ersten Jahren versucht, mich innerhalb weniger Monate 
in die jeweiligen Gesellschaften und Konflikte hineinzulesen. Gestützt 
auf Dokumente westlicher Denkfabriken und Hilfsorganisationen, teilweise 
ergänzt durch vereinzelte persönliche Kontakte und Blogs von 
Exilant*innen, beteiligte auch ich mich an der Formulierung von 
Rezepten, wie den jeweiligen Gesellschaften eben nicht-militärisch zu 
helfen sei. Vom Schreibtisch in Tübingen aus habe ich so einen ganz 
eigenen Zugang zum afrikanischen Kontinent entwickelt – bestimmt durch 
die zeitliche Abfolge jener Krisen und Kriege, die gerade die 
leitmediale und „sicherheitspolitische“ Debatte bestimmt haben, weil sie 
sich als Anlass für neue EU-Einsätze anboten. Für viele Länder des 
Kontinents konnte ich bald souverän die Akronyme und Anführer*innen 
aller relevanten bewaffneten Gruppen aufsagen – scheiterte aber z.B. an 
der Frage, welche Sprachen dort eigentlich von wem gesprochen werden…

Obwohl ich mit zunehmender Vehemenz darauf bestand, mich mit deutscher 
und europäischer Afrikapolitik und damit europäischen Vorstellungen über 
Afrika zu beschäftigen, wurde ich auf entsprechenden Vorträgen doch 
immer wieder als „Afrika-Experte“ vorgestellt. Ohne den Einsatz der EU 
2003 in der DR Kongo wäre es nie dazu gekommen. Dasselbe gilt für mein 
erstes Interview mit einer (kleinen und uns bis heute wohlgesonnenen) 
überregionalen Tageszeitung. Vermutlich in Ermangelung eines anderen 
Etiketts, vielleicht auch augenzwinkernd, hat mich die Redaktion dort 
kurzerhand als „Kongo-Experte Marischka“ vorgestellt – eine bis heute im 
IMI-Büro gerne belächelte Anekdote. Soweit ich mich erinnern kann, fand 
ich die Bezeichnung schon damals unangemessen – dass sie mich als jungen 
europäischen Student der Politikwissenschaft damals nicht auch 
klammheimlich und unverdient etwas stolz gemacht und motiviert hat, will 
ich jedoch nicht ausschließen.

Parallel zur Afrikapolitik habe ich mich bei IMI und darüber hinaus mit 
dem EU-Grenzregime befasst – bei dem die „Werte“ der europäischen 
Außenpolitik ja deutlich zum Vorschein treten. Über Frontex und die sog. 
Sicherheitsforschung bin ich zunehmend auf das Thema Drohnen/unbemannte 
Systeme und deren technische/wissenschaftliche Infrastruktur gestoßen. 
Einige Jahre lang habe ich mich mit beiden Themen – europäische 
Afrikapolitik und Drohnen/KI – gleichzeitig beschäftigt. Gemeinsam haben 
beide u.a., dass sie von Fantasien großräumiger Überwachung und Planung 
geprägt sind. Mittlerweile haben jedoch die Themen unbemannte Systeme, 
KI und dahinter stehende Forschungs- und Kapitalstrukturen eine solche 
Relevanz gewonnen, dass ich mich auf dieses Thema konzentriere. 
„Afrika-Experte“ wollte und werde ich nie sein. Ohne die europäischen 
Militäreinsätze auf dem afrikanischen Kontinent und das 
menschenverachtende Migrationsregime zwischen beiden Kontinenten wäre 
ich aber wahrscheinlich auch nicht da, wo ich heute bin: Immer noch mit 
Jürgen im IMI-Büro.


Mehr Informationen über die Mailingliste IMI-List