[IMI-List] [0692] Factsheet Rüstung & Sozialabbau / IMI-Analyse FCAS / Recherche Machtzentrum Berlin Mitte
IMI-JW
imi at imi-online.de
Do Feb 26 11:38:12 CET 2026
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Online-Zeitschrift "IMI-List"
Nummer 0692 – 29. Jahrgang
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Liebe Freundinnen und Freunde,
in dieser IMI-List finden sich:
1.) der Hinweis und die Bestellmöglichkeit für das brandneue
IMI-Facthseet „Kanonen statt Butter – Rüstung und Sozialabbau“;
2.) die Vorstellung des Rechercheprojekts Machtzentrum Berlin Mitte;
3.) eine IMI-Analyse zum sich anbahnenden Ende des Luftkampfsystems FCAS.
1.) IMI-Factsheet „Kanonen statt Butter – Rüstung und Sozialabbau“
Spätestens seit dem völlig undemokratisch durchgepeitschten Beschluss im
Frühjahr 2025, Militärausgaben weitgehend von der sogenannten
Schuldenbremse auszunehmen, kennen die Rüstungsbudgets keine Grenzen
mehr. Parallel dazu werden die Forderungen, die Sozialausgaben zur
Gegenfinanzierung noch weiter zusammenzustreichen, immer unverfrorener.
Die Dimensionen der aktuellen Entwicklungen scheinen bei vielen Menschen
noch nicht richtig angekommen zu sein, weshalb das neue IMI-Factsheet
„Kanonen statt Butter – Rüstung und Sozialabbau“ versucht, wichtige
Zahlen und Fakten rund um das Thema zusammenzutragen.
Das Factsheet kann wie immer kostenlos hier heruntergeladen werden:
https://www.imi-online.de/2026/02/26/kanonen-statt-butter-ruestung-und-sozialabbau/
In Print kann das Factsheet kostenlos (gegen Porto) für Büchertische
etc. im Materialshop der DFG-VK bestellt werden:
https://shop.dfg-vk.de/?product=factsheet-kanonen-statt-butter
Wir bemühen uns sehr, unser Material wenn irgend möglich kostenlos oder
zum Selbstkostenpreis zur Verfügung zu stellen – dies ist aber nur durch
die Unterstützung unserer Mitglieder möglich. Deshalb freuen wir uns
sehr über jede Form der Unterstützung! IMI-Mitglied werden ist auch
online möglich, hier geht’s zur Mitgliederseite (wo sich auch
Printformularen finden): https://www.imi-online.de/mitglied-werden/
2.) Rechercheprojekt Machtzentrum Berlin Mitte
Vom 27. Februar bis zum 1. März findet in Berlin am kommenden Wochenende
eine Friedenskonferenz statt, bei der die Frage „Wie organisieren wir
die Entrüstung gegen die Kriegsvorbereitungen?“ besprochen werden soll
(weitere Infos unter https://nowarberlin.org). Dabei werden am
Samstagmorgen (ab10h) auch die Ergebnisse eines Antimilitaristischen
Recherchekollektivs zum Machtzentrum Berlin Mitte vorgestellt, die dann
auch in Form eines umfangreichen Atlasses im Internet präsentiert werden.
Im soeben auf der IMI-Seite erschienenen Artikel wird das Projekt
vorgestellt:
IMI-Standpunkt 2026/010 - in: AUSDRUCK (März 2026)
War starts in Berlin-Mitte
Antimilitaristisches Recherchekollektiv veröffentlicht erste Resultate
seiner Arbeit
https://www.imi-online.de/2026/02/25/war-starts-in-berlin-mitte/
Antimilitaristisches Recherchekollektiv Berlin (25. Februar 2026)
3.) IMI-Analyse „Vom FCAS zum GCAS?“
IMI-Analyse 2026/05
Vom FCAS zum GCAS?
Deutsch-französisches Kampfflugzeug vor dem Aus – Auftritt der Lobbyisten
https://www.imi-online.de/2026/02/26/vom-fcas-zum-gcas/
Jürgen Wagner (26. Februar 2026)
Es ist einiges in Bewegung rund um das – einstmals, muss man wohl bald
sagen – wichtigste Rüstungsprojekt Europas, das zwischen Frankreich und
Deutschland (später stieg auch noch Spanien als Juniorpartner mit ein)
vereinbarte „Future Combat Air System“ (FCAS). Grob gesagt handelt es
sich dabei um ein tarnkappenfähiges Kampfflugzeug („Next Generation
Fighter“, NGF), das von bewaffneten und unbewaffneten Drohnenschwärmen
(„Remote Carrier“, RC) umgeben und über ein Softwaresystem („Combat
Cloud“, CC) mit diesen sowie mit anderen Einheiten vernetzt werden soll.
In jüngster Zeit haben sich die Konflikte zwischen den Projektpartnern
jedoch in einem Maße zugespitzt, dass ein wie auch immer gearteter
Abbruch immer wahrscheinlicher wird. Zuletzt äußerte sich Kanzler
Friedrich Merz alles andere als optimistisch über die Zukunft des
Projektes: „Wir haben ein echtes Problem im Anforderungsprofil. Und wenn
wir das nicht lösen können, dann können wir das Projekt nicht
aufrechterhalten.“ (Handelsblatt, 18.02.2026)
Vor diesem Hintergrund wittern verschiedene interessierte Kreise die
Chance, sich größere Anteile am Milliardenkuchen der Zeitenwende unter
den Nagel zu reißen. Ganz vorne bei den diesbezüglichen Bemühungen
finden sich auf der einen Seite der „Bundesverband der Luft- und
Raumfahrtindustrie“ (BDLV) und IG Metall, die für einen nationalen
Alleingang („German Combat Air System“, GCAS) plädieren. Dagegen stellt
sich die KI- und Drohnenlobby, die aktuell besonders lautstark durch Tom
Enders vertreten wird. Er spricht sich ebenfalls für eine weitgehende
Aufkündigung der Zusammenarbeit mit Frankreich aus, durch eine
Kooperation mit anderen Ländern soll aber Geld gespart und dann in neue
Technologien umgeleitet werden.
Einstiges Schlüsselprojekt
Die Bündelung der europäischen Rüstungsindustrie durch die Auflage
länderübergreifender Großprojekte galt lange als Königsweg zum Aufbau
eines europäischen Rüstungskomplexes. Davon versprach man sich hohe
Stückzahlen und in deren Folge niedrige Stückpreise, verbunden mit der
Fähigkeit, halbwegs ernsthaft mit den US-Konzernen um die weltweiten
Exportmärkte konkurrieren zu können. Ob dies tatsächlich realistisch
ist, sei einmal dahingestellt, die Tatsache allerdings, dass gerade die
länderübergreifenden EU-Rüstungsprojekte fast schon traditionell die
Liste der Beschaffungsvorhaben mit den größten Verzögerungen und
drastischsten Preisanstiegen anführen, lässt daran zumindest Zweifel
aufkommen.
Jedenfalls handelt es sich beim FCAS um ein wahrhaft gigantisches
Projekt – allein die Entwicklungskosten bis zur ursprünglich ab 2040
geplanten Auslieferung wurden auf rund 100 Mrd. Euro geschätzt.
Allerdings wäre auch dies lediglich ein Bruchteil der bei solch einem
Großprojekt anfallenden Gesamtkosten: „Die Betrachtung der
Lebenszykluskosten umfasst Entwicklungs-, Beschaffungs- und
Unterhaltskosten […]. Der damit ermittelte Kostenkorridor von 1,1 bis 2
Billionen Euro für die Lebenszykluskosten mindestens bis in die 2070er
Jahre zeigt, welche finanziellen Dimensionen dieses Großprojekt in
Zukunft annehmen kann.“ (Marius Pletsch, Flug ins Ungewisse,
Greenpeace-Studie, Dezember 2023)
Unter dem damaligen Eindruck, Projekte dieser Größenordnung seien schon
allein aus finanziellen Gründen nicht mehr im Alleingang zu stemmen,
beschlossen Frankreich und Deutschland 2017 den Bau mehrerer gemeinsamer
Rüstungsprojekte. Während Deutschland die Führungsrolle beim geplanten
Kampfpanzersystem („Main Ground Combat System“, MCGS) erhielt, sollte
Frankreich beim FCAS den Hut aufhaben. Nachdem also auch politisch
bereits reichlich Kapital in das Projekt investiert worden war, wurde im
Juni 2021 als eine Art „Anschubfinanzierung“ vom Bundestag ein deutscher
Anteil von 4,468 Mrd. Euro genehmigt (allerdings ist der komplette Abruf
der Gelder noch einmal zustimmungspflichtig). Für die Bewilligung der
Gelder warb damals unter anderem der CSU-Bundestagsabgeordnete Reinhard
Brandl: „FCAS ist nicht eines unter vielen Rüstungsvorhaben der
Bundeswehr. Es ist das strategische Projekt in Europa zur langfristigen
Sicherung unserer Souveränität im Bereich der militärischen Luftfahrt.
An diesem Projekt wird sich entscheiden, ob wir in Europa langfristig
noch Kampfflugzeuge selbst bauen oder uns in eine vollständige
Abhängigkeit von den USA begeben.“ (Donaukurier, 23.06.2021)
Bis zuletzt wurde in Fachkreisen noch mit nahezu denselben Argumenten
für das Projekt geworben: „FCAS ist ein Prüfstein für die Fähigkeit
Europas, sicherheitskritische Schlüsseltechnologien gemeinsam zu
entwickeln und eigene Standards zu setzen. Gelingt dies nicht, droht der
Verlust von Einfluss auf zentrale Architekturprinzipien und
Einsatzlogiken der Luftverteidigung mit Folgen, die weit über das Jahr
2040 hinausreichen.“ (Europäische Sicherheit & Technik, 13.10.2025)
Krisensymptome: French Combat Air System?
Allerdings kriselt es bereits seit einiger Zeit – schon im Februar 2021
wurde berichtet, die Gräben seien inzwischen so groß, dass nur ein
Krisengipfel das Projekt noch retten könne (lesecho.fr, 17.02.2021).
Obwohl im Anschluss eigentlich eine Einigung über die Zuständigkeiten
erzielt worden war, warnte Dassault-Chef Éric Trappier dann im Juni
2022, aufgrund anhaltender Streitereien sei, wenn überhaupt, wohl mit
einer Erstauslieferung nicht um das Jahr 2040, sondern erst 2050 zu
rechnen (hartpunkt.de, 09.06.2022). Vor allem seit vergangenem Jahr
mehren sich nun die Stimmen, die fordern, das Projekt auf die ein oder
andere Art einzustampfen. In diese Richtung äußerte sich zum Beispiel
CDU-Bundestagsmitglied Volker Mayer-Lay, Berichterstatter der
Unionsfraktion für die Luftwaffe im Verteidigungsausschuss, im September
2025: „Es wäre schön – und schließlich professionell – gewesen, das
Projekt gemeinsam zu Ende zu bringen. Aber irgendwann ist auch Schluss.
Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Deutschland
muss den Mut haben, klare Konsequenzen zu ziehen: Entweder Kooperation
auf Augenhöhe oder neue Partner, die das Wort ‚Zusammenarbeit‘ auch
leben.“ (defence-network.com, 24.09.2025)
Zwischenzeitlich war die Angelegenheit dann zur Chefsache erklärt
worden: Eigentlich hatte Kanzler Friedrich Merz angekündigt, die
Probleme bis Ende 2025 gelöst haben zu wollen – nachdem auch diese Frist
ergebnislos verstrichen ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das
Projekt, zumindest in der bisher geplanten Form, gestorben ist.
Streitpunkte rund um das FCAS gibt es mehr als genug. Paris wollte
beispielsweise sichergehen, dass weder die langjährige (inzwischen
weitgehend beendete) deutsche Debatte über die Anschaffung von
Kampfdrohnen den Bau noch die – zumindest vergleichsweise – restriktiven
deutschen Rüstungsexportrichtlinien die künftigen Absatzmöglichkeiten
behindern würden. Allzu rigide Exportbeschränkungen oder ethische
Bedenken sind allerdings nicht der Grund für das sich abzeichnende
Scheitern, der Hauptkonflikt liegt ganz woanders. Einmal existieren
unterschiedliche Anforderungsprofile, da Frankreich ein
atomwaffenfähiges kleineres Kampfflugzeug möchte, damit es auch auf
Flugzeugträgern landen kann. Vor allem aber verdächtigt Frankreich den
„Partner“, er sei hauptsächlich darauf erpicht, sich das technologische
Know-How zu sichern: „Dassault hält sich für das einzige Unternehmen
Europas, das ohne Hilfe ein modernes Kampfflugzeug bauen kann. Airbus
beherrsche wichtige Bestandteile wie die Flugsteuerung oder die
Tarnkappen-Technologie nicht.“ (NZZ, 03.03.2021) Dementsprechend warnte
Dassault in jüngster Zeit immer lauter, zur Not sei man auch in der
Lage, ein neues Kampfflugzeug im Alleingang zu bauen. „Die Deutschen
können ruhig murren. Wir wissen hier, wie es geht“, sagte Dassault-Chef
Trappier im September vergangenen Jahres. „Wir wissen von A bis Z, wie
man das macht. Das stellen wir seit 70 Jahren unter Beweis. Wir haben
die Kompetenzen.“ (stern.de, 23.09.2025)
Umgekehrt beklagt sich die deutsche Seite lautstark darüber, sie drohe
bei der Vergabe der Pfründe zu kurz zu kommen. So brachte das
rüstungsnahe Fachportal hartpunkt.de den deutschen Ärger schon vor
Jahren mit folgenden Worten auf den Punkt: „Frankreich, das die Führung
bei FCAS übernommen hat, schultert die gleiche Last. […] In
Industriekreisen wird diese Konstellation mitunter als ‚schwerer
Geburtsfehler‘ bezeichnet. Aufgrund der Dominanz des Nachbarlandes in
dem Projekt heißt es hinter vorgehaltener Hand auch schon mal, FCAS
stehe für French Combat Air System.“ (hartpunkt.de, 06.02.2020)
Hand in Hand: Industrie und Gewerkschaft
Während man bei der Software (Combat Cloud) sowie den Drohnenschwärmen
(Remote Carrier) „gut“ aufgestellt ist, besteht der Knackpunkt aus
deutscher Sicht in der Sorge, dass Frankreich bzw. Dassault durch die
Führung beim FCAS-Filetstück, dem Kampfflugzeug, das dabei entwickelte
Know-How monopolisieren könnte. Öffentlichkeitswirksam wurde in diesem
Zusammenhang der Airbus-Betriebsrat bereits Mitte Februar 2021 mit einer
Erklärung nach vorne geschickt, die in den deutschen Medien breite
Beachtung fand: „Dreh- und Angelpunkt des FCAS ist ein neues
europäisches Kampfflugzeug (‚New Generation Fighter‘), das als
Nachfolger des Eurofighter und der französischen Rafale vorgesehen ist.
Derzeit ist nur ein Demonstrator geplant, der bei Dassault in Frankreich
auf Rafale-Basis entwickelt und gebaut werden soll. Damit würde die
Luftfahrtindustrie inklusive der Zulieferbetriebe in Deutschland
kurzfristig ins Abseits gestellt, langfristig wäre dies wohl das Aus der
Branche in unserem Land.“ (Airbus-Betriebsrat zitiert bei
augengeradeaus.net, 12.02.2021)
Mit Blick auf die jüngeren Vorschläge zur „Lösung“ der FCAS-Krise ist
besonders beachtenswert, dass aus Gewerkschaftskreisen bereits damals
gefordert wurde, beim Bau des Kampfflugzeuges bzw. des Prototyps
(Demonstrator) zweigleisig zu fahren: „Ein eigener in Deutschland
zugelassener Demonstrator auf Eurofighter-Basis ist für die deutsche
Verteidigungsindustrie von zentraler Bedeutung. Nicht nur für unsere
Kolleginnen und Kollegen bei Airbus, sondern auch für die Belegschaften
vieler mittelständischer, deutscher Zulieferbetriebe.“ (Thomas Pretzl,
Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Airbus Defence and Space zitiert bei
augengeradeaus.net, 12.02.2021)
Als im Sommer 2025 Meldungen auftauchten, denen zufolge Dassault 80
Prozent der Kontrolle am Bau des Kampfflugzeuges (nicht an den anderen
Komponenten des FCAS) beanspruchen würde, diente dies als Anlass, noch
vehementer auf den de facto Ausstieg aus dem Projekt zu drängen. Auch
hier befanden sich der Airbus-Betriebsrat bzw. die IG Metall erneut an
vorderster Front – Hand in Hand mit der Industrie. Im Juli 2025 riet der
Airbus-Betriebsrat einmal mehr, sich neue Partner beim Bau eines
Kampfflugzeugs zu suchen (hartpunkt.de, 07.07.2025). Nahezu zeitgleich
kritisierte die Chefin der wichtigsten Lobbyorganisation in diesem
Bereich, dem Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie
(BDLI), Marie-Christine von Hahn: „Unsere Unternehmen treten dem
einseitigen französischen Dominanzstreben entschieden entgegen und
werden sich im Austausch mit der französischen Seite dafür einsetzen,
auf den bereits vereinbarten Weg der Kooperation zurückzukehren. Wir
appellieren an die Bundesregierung, sich ebenfalls in diesem Sinne zu
einzubringen.“ (hartpunkt.de, 08.07.2025)
Noch schärfere Worte wählte die Lobbyorganisation dann in einem
„vertraulichen“ Papier, das im November 2025 an die Presse
durchgestochen wurde: „In dem Schreiben, das hartpunkt vorliegt, heißt
es, dass Dassault seit Dezember 2024 dogmatisch auf dem Anspruch
alleiniger Hoheit über die Auslegung des Flugzeuges und Auswahl der zu
beteiligenden Zulieferer beharre. […] ‚Deutsches Steuergeld würde dafür
verwendet, die europäische Luftfahrtindustrie einseitig in Frankreich zu
konsolidieren. Es wäre nicht weniger als das Ende des deutschen
Kampfflugzeugbaus‘ schreibt der Verband.“ (hartpunkt.de, 28.11.2025)
Im Dezember 2025 zogen dann wiederum Gewerkschaftsvertreter in einem
Brief an Finanzminister Lars Klingbeil nach: „Die deutsche Politik und
Industrie haben aus unserer Sicht bei FCAS von Beginn an Zugeständnisse
gemacht. Trotzdem ist Dassault von Anfang an bemüht, uns zu diffamieren,
zurückzudrängen und gegen uns zu arbeiten. […] Wir sind fest überzeugt:
Dassault hat sich als verlässlicher Partner innerhalb Europas in Zeiten
akuter Bedrohung komplett disqualifiziert. […] Wir trauen den
Belegschaften in Deutschland ein Kampfflugzeug der nächsten Generation
zu, wir werden so die Kompetenzen der deutschen Industrielandschaft
erhalten und weiterentwickeln – und nicht Steuergelder zum Aufbau
sicherheitsrelevanter, wettbewerbsbeherrschender Kapazitäten an anderer
Stelle verschwenden.“ (Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender der IG
Metall, und Thomas Pretzl, Gesamtbetriebsratsvorsitzender Airbus Defence
and Space zitiert bei hartpunkt.de, 10.12.2025)
German Combat Air System?
Schlussendlich kam dann zusammen, was augenscheinlich hier
zusammengehört: Es sei nicht hinnehmbar, dass Dassault die
„Alleinherrschaft“ beanspruche, monierten BDLI-Chefin Marie-Christine
von Hahn und der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Jürgen Kerner, Anfang
Februar 2025 in einem gemeinsamen Artikel: „Seit fast einem Jahr
beansprucht das französische Unternehmen Dassault de facto die
Alleinherrschaft über das Projekt. Diese rigorose Haltung ist nicht mehr
als Führungsanspruch unter gleichberechtigten Partnern zu verstehen –
sie ist vielmehr eine Aufforderung an uns zur industriellen
Selbstaufgabe. Pardon, aber das geht gar nicht. […] Die konsequente
Antwort lautet: zwei Flugzeuge in einem gemeinsamen europäischen FCAS.
Ein Zwei‑Flugzeuge‑Ansatz ist kein Scheitern, sondern das
Erwachsenwerden dieses Projekts.“ (Marie-Christine von Hahn / Jürgen
Kerner, Handelsblatt, 09.02.2026)
Interessant ist im Übrigen, dass Dassault-Chef Trappier bereits letzten
Sommer umgehend die Meldungen dementiert hatte, sein Unternehmen strebe
80 Prozent der Anteile am Kampfflugzeug, geschweige denn dem gesamten
FCAS an (flugrevue.de, 23.07.2025). Ob dies den Tatsachen entspricht,
lässt sich nicht verifizieren. Es ist allerdings durchaus auffällig,
dass genau diejenigen, die am stärksten von einem Eigenbau profitieren
würden, sich nun am lautesten über die französische Seite echauffieren.
Entlarvend ist dabei die folgende Passage aus dem gemeinsamen Artikel
der BDLI-Lobbyistin von Hahn und des Gewerkschaftsvizes Kerner: „In der
Kombination mit einem robust ausgestatteten Bundeshaushalt sind wir in
der Lage, selbstbewusst zu investieren und damit industriepolitisch
mutige Wege zu beschreiten: Wir schließen uns nicht länger einem
multinationalen Vorhaben an, sondern setzen ein eigenes Programm auf und
suchen anschließend nach Partnern, die sich beteiligen möchten.
Verantwortung für die Sicherheit Europas zu übernehmen, heißt auch, aus
einer Position industrieller Stärke heraus zu führen.“ (Handelsblatt,
09.02.2026)
Die deutsche Industrie steht jedenfalls in den Startlöchern, wie der für
den Bereich zuständige CDU-Bundestagsabgeordnete Volker Mayer-Lay
unmissverständlich wissen lässt: „Die Deutsche [sic] Industrie ist nicht
nur in der Lage; sie ist bereit die Verantwortung für die Entwicklung
eines Kampfjets der 6. Generation zu übernehmen, ohne dabei dauerhaft
von einem Partner behindert zu werden. Die reiche Industriekultur
Deutschlands und die Marktführer in ihren entsprechenden Gebieten, die
heute an FCAS mitarbeiten, sind in der Lage, die gewonnen Erkenntnisse
direkt in ein neues Projekt einzubringen. Beispielhaft zu nennen sind
Airbus im Bereich der Combat Cloud und des NGF, DIEHL Aviation mit der
Entwicklung der Avionikplattform, DIEHL Defence mit einem System
vernetzter Waffen oder Hensoldt mit der Sensortechnologie. Damit ist
Deutschland in der komfortablen Situation, sich konsequent gegen die
Forderungen Dassaults zu behaupten. […] Ein kontrollierter Abschied von
FCAS wäre kein sicherheitspolitisches Risiko, sondern die Chance auf
einen echten Neustart. Die deutsch-französische Freundschaft wird das
überstehen – die deutsche Industrie eine weitere Verzögerung aber
nicht.“ (Volker Mayer-Lay, Pressemitteilung, 03.12.2025)
Während aufgrund mangelnden Know-Hows in früheren Jahren eine
Eigenentwicklung viel zu teuer gewesen wäre, kann man sich dies heute
leisten – und, salopp gesagt, auf die Franzosen pfeifen. Frankreich
wiederum kündigte bereits den Ausstieg aus der Eurodrohne an und drohte
auch das gemeinsame Panzerprojekt MCGS zu beerdigen, sollte sich
Deutschland vom FCAS in der bisher geplanten Form verabschieden. Das
brachte erneut CDU-Mann Volker Mayer-Lay so richtig auf die Palme, der
polterte, „als stärkste Industrienation Europas – mit wiedererstarktem
sicherheitspolitischem Führungsanspruch“ dürfe man sich von Frankreich
nicht auf der Nase herumtrampeln lassen, um dann zum Kern der
Auseinandersetzung zu kommen: „Damit wird deutlich, dass es längst nicht
mehr nur um industrielle Arbeitsteilung geht, sondern um politische
Machtbalance und industriepolitische Führungsansprüche.“ (hartpunkt.de,
23.02.2026)
Schamlose Lobbypolitik
Womöglich gelingt es durch enormen politischen Druck ein weiteres Mal,
das FCAS-Ruder herumzureißen, die Chancen dafür erscheinen allerdings
nicht allzu hoch. Schließlich wird hier recht ungeschminkt versucht, vor
allem Airbus ein Riesengeschäft zuzuschustern. Doch dabei handelt es
sich nicht um die einzigen, die ihr Chance wittern. Am prominentesten
ist hier der ehemalige Airbus-Chef Tom Enders, der mittlerweile als
Co-Verwaltungsratschef des Drohnenhersteller Helsing die Fronten
gewechselt hat, einem Unternehmen, in dem er das Potenzial sieht, „zu
einem Airbus des 21. Jahrhunderts zu werden.“ (welt.de, 29.09.2025)
Enders plädierte dagegen, Milliarden in einen nationalen Alleingang bei
der Kampfflugzeugentwicklung zu stecken. Technologisch sei man zwar dazu
in der Lage, aber die „Kosten und der Zeitaufwand wären allerdings
enorm“ und das Ergebnis wäre ein „nationales Prestigeprojekt, das die
Verteidigungsbudgets für Jahrzehnte aussaugt“, so Enders (rnd.de,
23.02.2026). Stattdessen solle man sich große Teile des Geldes durch
einen Einstieg ins (ebenfalls von massiven Teuerungen und Streitereien
um die Anteile geplagten) „Global Combat Air Programme“ (GCAP) sparen,
einem britisch-italienisch-japanischen Kampfflugzeugprojekt.
Doch rüstungsnahe Portale beeilten sich schnell zu bemängeln, die
deutsche Industrie würde bei einem solchen späten Quereinstieg kaum zum
Zuge kommen (hartpunkt.de, 17.02.2026), was Enders augenscheinlich
billigend in Kauf nimmt. Recht unverfroren bringt er dann noch die
andere Alternative zu einem nationalen Alleingang ins Spiel, bei der
„sein“ Unternehmen Helsing massiv involviert ist: „Die Saab Gripen E,
mit hochmoderner Softwarearchitektur ausgestattet, flog und kämpfte
letzten Sommer erstmals vollautonom mit einem KI-Agenten der deutschen
Firma Helsing an Bord – wahrscheinlich eine Weltpremiere.“ (rnd.de,
23.02.2026)
Das Hauptanliegen von Enders liegt aber noch einmal woanders, da er
bemannte Systeme ohnehin als Auslaufmodelle erachtet, solle man die
Kosten geringhalten und das Geld stattdessen genau dem Bereich zufließen
lassen, in dem Helsing vorrangig tätig ist: „Die Zukunft der
Luftkriegsführung liegt nicht in immer komplexeren, bemannten
High-End-Plattformen mit zwanzigjährigen Entwicklungszeiten. Sie liegt
in hochintelligenten autonomen Drohnensystemen – im Jargon Unmanned
Combat Aerial Vehicles (UCAV) –, bei denen Software, KI-Fähigkeit und
kostengünstige Massenproduktion wichtiger sind als Cockpit-Design oder
aerodynamische Perfektion. […] Die technische Fähigkeit dafür, die
entsprechenden UCAVs, wird die europäische Industrie, wenn sich
etablierte Hersteller mit Software- und KI-zentrierten Firmen und
Start-ups zusammentun, schon in wenigen Jahren liefern können. […] Hier
liegt mithin auch die Zukunft für die deutsche militärische Luftfahrt.
Hier, bei den unbemannten Kampfflugzeugen, könnte Deutschland mit seinen
breiten industriellen und technologischen Fähigkeiten eine
Führungsposition in Europa erringen.“ (rnd.de, 23.02.2026)
Angriffe tief im gegnerischen Raum
Ohne jede Scham versuchen hier unterschiedliche Sparten der Branche sich
den größten Teil am gigantischen Rüstungskuchen einzuverleiben – ob das
dann militärisch oder finanziell sinnvoll ist, danach fragt dabei kaum
jemand mehr. Ob es dem Frieden dienlich ist, scheint ohnehin keine Rolle
mehr zu spielen. Denn was die Luftwaffen vorrangig interessiert machte
der in einem Artikel des Reservistenmagazins loyal zitierte
Luftwaffeninspekteur Holger Neumann ziemlich deutlich, nämlich die
Fähigkeit für Angriffe tief im gegnerischen Raum: „Für Neumann ist der
taktische Maßstab bei der Luftkriegsführung, in dichte
Luftverteidigungszonen eines Gegners eindringen und dort massive Schläge
ausführen zu können. […] Entscheidend für die NATO-Luftwaffen seien
daher wirksame Offensivwaffen. ‚Die NATO ist eine Verteidigungsallianz.
Den ersten Schlag macht immer ein Gegner. Umso wichtiger ist es, mit
raschen Gegenschlägen dessen Angriffswaffen – beispielsweise
Raketenstartrampen – zerstören zu können.‘ In naher Zukunft soll eine
autonome ‚Jagdbomberdrohne‘ die Offensivfähigkeit der deutschen
Luftwaffe erhöhen. Wichtig für die Entwicklung der Luftwaffe sei deshalb
eine Verstärkung der Kampfjet-Bewaffnung über den kommenden
Marschflugkörper Taurus Neo und Deep-Precision-Strike-Systeme.“ (loyal,
24.02.2026)
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