[IMI-List] [0691] Beschaffung Kamikazedrohnen / Siko / Enforce Tac Nürnberg
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imi at imi-online.de
Mi Feb 18 16:27:48 CET 2026
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Online-Zeitschrift "IMI-List"
Nummer 0691 – 29. Jahrgang
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Liebe Freundinnen und Freunde,
in dieser IMI-List finden sich:
1.) zwei Texte zur bevorstehenden Entscheidung über die Beschaffung von
Kamikazedrohnen für die Bundeswehr;
2.) eine kurze IMI-Analyse zur Münchner Sicherheitskonferenz am
vergangenen Wochenende;
3.) ein Standpunkt zur Rüstungsmesse Enforce Tec, die kommende Woche in
Nürnberg stattfinden wird.
1.) Beschaffung von Kamikazedrohnen für die Bundeswehr
Nächste Woche sollen der Haushalts und Verteidigungsausschuss des
Bundestages über die Beschaffung von Kamikazedrohnen für die Bundeswehr
entscheiden. Die IMI hat sich jahrelang dafür eingesetzt, dass die
Bundeswehr keine bewaffneten oder sonstigen Angriffsdrohnen erhalten
sollte und hat weltweite Kampagnen für eine Ächtung tödlicher autonomer
Waffensysteme unterstützt. Entsprechend kommentieren wir die
bevorstehende Entscheidung hier gleich mit zwei Texten:
Tobias Pflüger beschreibt in seinem Standpunkt, dass die konkreten
Systeme, die angeschafft werden sollen, in Tests wiederholt versagt
haben und appelliert, diese folgenschwere Entscheidung doch noch zu
verhindern:
IMI-Standpunkt 2026/008
Vor der Beschaffungsentscheidung
Kamikazedrohnen für die Bundeswehr: Helsing HX-2 und Stark Virtus
https://www.imi-online.de/2026/02/18/vor-der-beschaffungsentscheidung/
Tobias Pflüger (18. Februar 2026)
Christoph Marischka beschreibt die Rolle von Risikokapital und Medien
sowie mögliche strategische Konsequenzen, welche die weitgehend von
technologischen Imaginationen getriebene Debatte der letzten Monate
haben könnte:
IMI-Analyse 2026/04
Im Griff des Risikokapitals?
Wie Deutschland lernte, die Kamikazedrohnen zu lieben
https://www.imi-online.de/2026/02/18/im-griff-des-risikokapitals/
Christoph Marischka (18. Februar 2026)
2.) IMI-Analyse zur Münchner Sicherheitskonferenz am vergangenen Wochenende
IMI-Analyse 2026/03
Vergiftete Liebeserklärungen
Münchner Sicherheitskonferenz, transatlantische Konflikte und deutsches
Militäreuropa
https://www.imi-online.de/2026/02/18/vergiftete-liebeserklaerungen/
Jürgen Wagner (18. Februar 2026)
3.) Rüstungsmesse Enforce Tec in Nürnberger
IMI-Standpunkt 2026/007
Dynamisch. Greifbar. Tödlich.
Die Kriegsmesse Enforce Tac in Nürnberg
Lena Schmailzl (18. Februar 2026)
Vom 23. bis 25. Februar findet in Nürnberg die Kriegsmesse Enforce Tac
statt. Es ist eine der größten Messen dieser Art in Deutschland. Doch
die Stimmen dagegen werden lauter.
Eine Leitmesse für Krieg
Deutschland ist auf Kriegskurs. Das zeigt sich auch an immer häufigeren
und immer größeren Kriegsmessen in unseren Städten. Die Kriegsmesse
„Enforce Tac“ in Nürnberg ist eine davon. Die Enforce Tac präsentiert
sich als „Deutschlands Leitmesse für Sicherheit und Verteidigung“. Mit
über 1400 Ausstellern aus 54 Ländern und etwa 20 000 erwarteten
Besucher*innen wird sie in diesem Jahr so groß sein, wie nie zu vor.(1)
Mit dabei sind deutsche Rüstungsriesen wie Diehl, Heckler & Koch und
Rheinmetall, aber auch viele Firmen, die auch eine zivile Sparte haben
wie Canon oder uvex sowie zahlreiche Verbände, etwa die Allianz
faserbasierte Werkstoffe Baden-Württemberg, die deutsche
Polizeigewerkschaft, die Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen oder
auch ein „USK Freundeskreis“.(2) Auch das Unternehmen „ATG
Kriminaltechnik“ ist vertreten. Als Logo hat es den
Punisher-Totenschädel gewählt, ein unter extrem rechten Kräften in
Polizei und Militär verbreitetes Symbol.(3) Die Firma vertreibt unter
anderem Patches, auf denen in altdeutscher Schrift zu lesen ist „Ich bin
nicht gekommen um Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ oder in
moderner Variante zwei gekreuzte Sniper mit der Aufschrift „From a place
you will not see comes a sound you will not hear“(4).
Völkermord als Verkaufsargument
Selten werden Kriegshetze und das Geschäft mit dem Tod so
offensichtlich, wie im Konzept dieser Messe. Bereits seit drei Jahren
wirbt die Enforce Tac dabei mit einem ganz besonderen Highlight: Dem
„Enforce Tac Village“. Eine der insgesamt sieben Messehallen wird
genutzt, um hier zivile Räume aufzubauen, in denen dann Krieg gespielt
wird. Die Idee: Waffen und sonstige Rüstungsgüter sollen nicht nur an
den Verkaufsständen, sondern live im Einsatz präsentiert werden. Die
Szenarien werden dabei live kommentiert. Auf der Homepage der Enforce
Tac klingt das dann so: „Präsentieren Sie Ihre Produkte mitten im
Geschehen – live auf der Enforce Tac Village Stage […] eingebettet in
authentische Szenarien, entwickelt von aktiven und ehemaligen
Einsatzkräften aus Militär und Polizei. Machen Sie Ihr Produkt erlebbar
– live, authentisch und praxisnah!“.(5) Damit knüpft die Kriegsmesse an
einer gängigen Vermarkungsstrategie der Rüstungsindustrie an: Das
Versprechen, die Waffen seien „einsatzerprobt“ oder „battle proven“.
Besonders wirksam wird dieses Verkaufsargument bei israelischen
Rüstungsherstellern. Von 9 bzw. 18 israelischen Herstellern in den
letzten Jahren, ist ihre Zahl in diesem Jahr auf über 38 gestiegen und
ein eigener „Israel National Pavillion“ wird aufgebaut. Unter den
Ausstellern ist unter anderem die Firma Rafael, die im letzten Jahr ein
Werbevideo veröffentlichte auf dem zu sehen war, wie das beworbene
Drohnensystem einen Menschen in Gaza verfolgt und dann umbringt.(6)
Zahlreiche weitere Aussteller bei der Messe wie Rheinmetall und Elbit
werben mit einer besonders hohen „hit-kill ratio“(7) oder einer
„enhanced lethality“ – verbesserten Tödlichkeit(8).
Eine Kriegsmesse in der Stadt des Friedens
Die Stadt Nürnberg präsentiert sich nach außen gerne als „Stadt des
Friedens und der Menschenrechte“ – aber sie stellt die Räume für die
Messe zur Verfügung. Das Messegelände gehört zu jeweils 49,9 % der Stadt
Nürnberg und dem Freistaat Bayern. Mehrere Stadträte von CSU, SPD und
Grünen sitzen im Aufsichtsrat der Messe, der Nürnberger OB sitzt im
Vorstand.(9) Erstmalig ist der deutsche Bundeskanzler in diesem Jahr
Schirmherr der Messe. Ihn zitiert auch die Leiterin der Messe in der
Wiederholung der immer gleichen Kriegspropaganda: „Wir wollen uns
verteidigen können, damit wir uns nicht verteidigen müssen.“(10) Oder
wie es die bei der Messe vertretene Firma ATG in kurz formuliert: „If
you want peace – prepare for war“. Die Firma ist bei ihren Layouts
wenigstens so ehrlich einen Totenkopf in die Mitte dieses Ausspruches zu
setzen. Die Enforce Tac dagegen scheut nicht einmal davor zurück neben
den Kriegsszenarien auf ein Awareness Konzept „AwareFlair“, inklusive
Safer Space zu verweisen. „Gemeinsam achtsam“ lautet die
Überschrift.(11) Achtsam morden wäre wohl passender.
Keine Kriegsmesse in unserer Stadt!
Doch gegen die zynische Vermarktung von Krieg wird Protest laut. Nachdem
es einige Jahre still um die Messe war, kam aus der Palästina
Solidaritätsbewegung der Anstoß hier aktiv zu werden. Seit inzwischen
drei Jahren gibt es jetzt jedes Jahr Aktivitäten gegen die Messe. Die
Kampagne Enforce Tac absagen plant unter anderem eine Kundgebung direkt
vor der Messe und eine Mailkampagne wurde gestartet, in der mit wenigen
Klicks Protestmails an die Verantwortlichen von Stadt und Messe
verschickt werden können.(12) Bei Gesprächen an Infoständen und bei
Flyerverteilungen wird deutlich, wie viele Menschen diese Kriegsmesse
ablehnen. Ein weiterer Punkt der Arbeit gegen die Enforce Tac sind erste
vorsichtige Ansätze der Aktivierung von Arbeiterinnen und Arbeitern
gegen die Kriegsmesse: Durch Hotels, im Catering, der Security,
Reinigungsfirmen, Transport sind viele Menschen durch ihre Arbeit mit
der Messe verbunden. Vielen ist bisher nicht bewusst, um welche Messe es
hier geht. Teilweise mussten palästinensische Mitarbeiter feststellen,
dass sie bei der Messe die Sicherheit für genau die Firmen übernehmen
sollen, die ihre Familien ermordet haben. Als sie sich daraufhin an den
Protesten gegen die Kriegsmesse beteiligten, erhielt mindestens ein
Kollege Hausverbot und in der Folge kaum noch Aufträge bei der
Sicherheitsfirma. Diese Reaktion zeigt vor allem den Schwachpunkt der
Messe: Ohne hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den
unterschiedlichsten Bereichen könnte diese Kriegsmesse nicht
stattfinden. Eine klare Forderung bei den Protesten in diesem Jahr ist
daher: Niemand darf gezwungen werden für eine Kriegsmesse zu arbeiten!
Anmerkungen
(1)
https://www.enforcetac.com/de-de/alles-ueber-die-messe/messedetails-und-rueckblick
(2) https://www.enforcetac.com/de-de/aussteller-produkte
(3) Allgemeiner zum Symbol am Beispiel der Nutzung durch die Züricher
Polizei:
https://tsri.ch/a/von-rechtsextremen-genutzte-symbole-bei-zuercher-polizei-weit-verbreitet-punisher-thin-blue-line
(4)
https://www.enforcetac.com/de-de/aussteller/atg-kriminaltechnik-gmbh-2476168,
https://www.atg-kriminaltechnik.de/collection/patches/
(5) https://www.enforcetac.com/de-de/programm/village
(6)
https://www.business-humanrights.org/en/latest-news/israelopt-rafael-releases-promotional-video-showing-drone-system-tracking-killing-gazan-during-ongoing-genocide/
(7) Etwa in dieser Broschüre zu verschiedenen Munitionstypen von
Rheinmetall:
https://www.rheinmetall.com/Rheinmetall%20Group/brochure-download/Weapon-Ammmunition/B233e0920-Rheinmetall-Leadership-in-ammunition-effectiveness-medium-calibre-portfolio.pdf
(8) Zum Beispiel in dieser Drohnenwerbung von Elbit Systems, auch bei
der Messe dabei:
https://www.elbitsystems.com/networked-warfare/robotic-and-autonomous-solutions/tactical-unmanned-aerial-systems
(9)
https://www.nuernbergmesse.de/de-de/unternehmen/nuernbergmesse-group/daten-fakten
(10)
https://esut.de/2026/01/fachbeitraege/67222/enforce-tac-chefin-jasmin-rutka/
(11) https://www.enforcetac.com/de-de/alles-ueber-die-messe/awareness
(12) Maillink: https://tinyurl.com/Enforce-Tac-absagen
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