[Gen-Info] Meacher: Koexistenz unmöglich

Klaus Schramm 078222664-0001 at t-online.de
Mo Nov 10 16:27:33 CET 2003


SPIEGEL ONLINE - 07. November 2003, 13:22
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Gen-Lebensmittel

"Gier hinter der Maske des Wohltäters"

Großversuche mit genmanipulierten Pflanzen haben in Großbritannien zu
überraschend negativen Ergebnissen geführt. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE
übt der frühere britische Umweltminister Michael Meacher scharfe Kritik am
Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft.


SPIEGEL ONLINE: Mister Meacher, Sie haben als Umweltminister 1999 die
Großversuche mit genetisch modifizierten (GM) Pflanzen initiiert, deren
Ergebnisse jetzt die Debatte über den Anbau genetisch modifizierter Pflanzen
in aller Welt beeinflussen. Was wollten Sie eigentlich bei diesen
Großversuchen herausfinden?

Meacher: Wir wollten klären, welche Auswirkungen der Anbau von genetisch
modifizierten Pflanzen auf die Artenvielfalt und auf die Umwelt hat. Nicht
untersucht wurden die Auswirkungen auf Bodenbakterien und wie ein Bauer in
der üblichen Situation des Wettbewerbs handeln würde. Und vor allem haben
wir nicht untersucht, ob genetisch modifizierte Nahrungsmittel für die
Gesundheit der Konsumenten unbedenklich sind.

SPIEGEL ONLINE: Was waren die wichtigsten Ergebnisse, und waren Sie von
ihnen überrascht?

Meacher: Es wurden Raps, Zuckerrüben und Mais getestet, wobei jeweils eine
Hälfte des Feldes mit konventionellen Pflanzen bebaut und konventionellen
Pestiziden besprüht wurde, die andere mit GM-Pflanzen und den Pestiziden,
gegen die sie resistent sind. Als die Wissenschaftler die Versuche
entwickelten, erwarteten sie keine signifikanten Unterschiede.

SPIEGEL ONLINE: Erwies sich diese Hypothese als zutreffend?

Meacher: Nein. Die Unterschiede haben sich als beachtlich herausgestellt.
Der modifizierte Raps und die Zuckerrüben wurden mit Breitbandmitteln
bearbeitet, die alles niedermachen außer der modifizierten Pflanze. Die
schädlichen Auswirkungen auf Würmer, Käfer, Schmetterlinge oder Vögel waren
deutlich größer als auf den konventionellen Vergleichsfeldern.

SPIEGEL ONLINE: Beim Mais dagegen erwies sich der genetisch modifizierte als
umweltschonender. Sollte man jetzt nicht den Anbau von genetisch
modifiziertem Mais genehmigen?

Meacher: Moment mal. Zum einen wurde der konventionelle Mais mit dem
Pestizid Atrazin besprüht, das inzwischen in der EU verboten ist. Zum
anderen waren die Versuche praktisch in der Hand von Bayer, die den
modifizierten Mais stellten und deren Mitarbeiter den Bauern rieten, sie
sollten die Pflanzen nur einmal besprühen. Das gefiel den Bauern, weil es
weniger kostete. Folgerichtig kamen die Unkräuter schnell wieder hoch, die
den Tieren Nahrung bieten. Aber unter Marktbedingungen würde jeder Bauer
natürlich nicht einmal, sondern zwei- oder dreimal sprühen. Und dann würde
man die gleichen Ergebnisse bekommen wie bei den beiden anderen getesteten
Pflanzen.

SPIEGEL ONLINE: Also würden Sie auch den Anbau von genetisch modifiziertem
Mais nicht empfehlen?

Meacher: Das ist meine Schlussfolgerung.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland fordern der Bauernverband, Wissenschaftler
und die Industrie jetzt Großversuche, um herauszufinden, ob und wie eine
Koexistenz zwischen GM-Landwirtschaft und konventioneller Landwirtschaft
möglich ist. Macht das Sinn?

Meacher: Koexistenz ist in jedem Fall das entscheidende Problem. Ich war vor
drei Monaten in Kanada und habe dort gesehen, dass in der Prärie kein
Bio-Raps mehr angebaut wird, weil die Aufkäufer den Bauern sagen: "Das
Risiko, dass Dein Bio-Raps mit GM-Raps verunreinigt ist, ist mir schlicht zu
groß." Und wenn die Trennung in den riesigen Räumen der Prärie nicht möglich
ist, wie soll es dann auf unserer winzigen, dicht besiedelten Insel oder auf
dem europäischen Kontinent, wo ein Bauernhof unmittelbar an den nächsten
angrenzt, möglich sein? Meiner Meinung nach ist Koexistenz unmöglich.

SPIEGEL ONLINE: Was wird die EU-Kommission bezüglich der Zulassung
genmanipulierter Organismen und der Aufhebung des Moratoriums von acht
EU-Staaten tun?

Meacher: Sieben Länder, darunter Frankreich und Italien, nicht aber
Großbritannien und Deutschland sagen, dass sie keine Anträge auf Zulassung
genmanipulierter Pflanzen von Monsanto und anderen Firmen bearbeiten. Die
Kommission könnte dagegen vorgehen, aber hat es bisher nicht getan. Die
US-Regierung wiederum hat sich darüber dermaßen aufgeregt, dass sie die EU
bei der Welthandelsorganisation verklagt hat.

SPIEGEL ONLINE: Wird es zu einer Verurteilung der EU durch die WTO kommen?

Meacher: Das ist schwer zu sagen, aber auf jeden Fall sind in dieser
Situation die Ergebnisse der britischen Großversuche ein Geschenk für die
acht Moratoriumsstaaten, denn sie liefern den wissenschaftliche Beweis:
Genmodifizierte Pflanzen sind ein Risiko für die Umwelt.

SPIEGEL ONLINE: Das wichtigste Argument der US-Regierung und der Vertreter
der GM-Firmen ist inzwischen, dass sich mit genmanipulierten Pflanzen der
Hunger in der Dritten Welt besiegen ließe. Stimmt das?

Meacher: Das ist ein absolut lächerliches Argument. Die wichtigsten Ursachen
dafür, dass schätzungsweise 800 Millionen Menschen täglich hungrig zu Bett
gehen, sind der ungerechte Welthandel, unfähige und korrupte Regierungen in
der Dritten Welt sowie eine schlechte Verteilung des Landes. Wenn wir
wirklich etwas dagegen unternehmen würden, gut! Aber zu glauben, dass sich
mit GM-Pflanzen der Hunger besiegen ließe ist lächerlich. Es ist empörend,
dass Monsanto seine bösartige kommerzielle Gier jetzt hinter der Maske des
Wohltäters verstecken will. Der Welthunger ist denen doch vollkommen egal,
sie wollen nur ihre Produkte in der Dritten Welt verkaufen.

SPIEGEL ONLINE: Die britische Regierung hat eine große öffentliche Debatte
über Gentechnik initiiert. Wie erklären Sie es, dass die überwältigende
Mehrheit der Briten, aber auch die Vertreter des Lebensmittelshandels die
Einführung von genmanipulierten Pflanzen resolut ablehnen?

Meacher: Die Briten haben mehr als andere Europäer unter
Lebensmittelskandalen gelitten. Als es um den Rinderwahn ging, haben die
Regierung und die sie beratenden Wissenschaftler über Jahre abgestritten,
dass beschädigte Prionen von Rindern auf Menschen übergehen könnten - und
das war schlicht falsch.

SPIEGEL ONLINE: Es herrscht demnach ein tiefes Misstrauen.

Meacher: Die Menschen misstrauen den Wissenschaftlern, aber noch mehr den
Politikern. Außerdem hassen sie Monsanto und George W. Bush und haben den
Eindruck, dass die Amerikaner dem Rest der Welt den Anbau von
genmanipulierten Pflanzen aufoktroyieren wollen.

SPIEGEL ONLINE: Der derzeitige Tenor in der GM-Debatte ist, dass der Anbau
genmodifizierter Pflanzen wohl Risiken für die Umwelt birgt, ihr Verzehr
aber unbedenklich ist.

Meacher: Anfänglich glaubte die britische Regierung, dass es auch keine
Risiken für die Umwelt gäbe. Die Großversuche haben gezeigt, dass das falsch
ist. Ich vermute deshalb, dass die Regierung bei Versuchen zu möglichen
Gesundheitsschäden erneut ein paar Schocks erleben könnte. Ich sage nicht,
dass GM-Nahrungsmittel gefährlich sind, ich sage, wir wissen es nicht.
Niemand weiß das, bevor wir nicht systematische Versuche angestellt haben.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es keinerlei Untersuchungen dazu?

Meacher: Es gab eine einzige Untersuchung an der Newcastle University im
vergangenen Jahr, bei der Testpersonen eine Mahlzeit aus GM-Soja gegeben
wurde. Dabei stellte sich heraus, dass die Soja-DNS auf Darmbakterien
übertrug. Das ist deshalb bedenklich, weil es dabei auch zur Übertragung von
Antibiotika-Resistenzen kommen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren unlängst in Kanada und Neuseeland. Dort wird die
Debatte über Gentechnik anders geführt als im "Alten Europa".

Meacher: Wenn man sich die weltweite Produktion von GM ansieht, haben die
USA 66 Prozent, Argentinien 23, Kanada 6 und China 4 Prozent. In diesen
Ländern wurde und wird einfach angenommen, dass das alles sicher ist. Aber
das ist eine bislang wissenschaftlich nicht ausreichend untersuchte
Vermutung. Deshalb haben wir Europäer das Recht und die Pflicht, sie in
Frage zu stellen und den Anbau von genmodifizierten Pflanzen nicht zu
genehmigen, bevor wir mehr wissen.

Das Interview führte Michael Sontheimer


Michael Meacher, 64, ist seit 1970 Abgeordneter der Labour Party im
Unterhaus und diente bereits in der Regierung von Premierminister Harold
Wilson in den siebziger Jahren als Staatssekretär. Von Mai 1997 bis Juni
2003 gehörte er der Regierung Tony Blairs als Staatsminister für Umwelt an.

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