[FoME] Start und Aussichten der "One Laptop per Child"-Initiative

Christoph Dietz christoph.dietz at CAMECO.ORG
Do Sep 7 08:54:49 CEST 2006


http://www.telepolis.de/r4/artikel/23/23445/1.html 

Computer für die Armen
Marcus Hammerschmitt 06.09.2006

Über die Aussichten der "One Laptop per Child"-Initiative

Schritt für Schritt nähert sich das  100-Dollar-Laptop (1) seiner
Verwirklichung. Die ersten Prototypen sind angefertigt, die ersten
Verträge sind  unterzeichnet. In Thailand soll das Projekt starten.
Die
Frage, was das Ganze soll, ist freilich noch unbeantwortet.

Seit Nicholas Negroponte und einige andere leitende Mitarbeiter des
MIT (2) die Entwicklung eines  Kinderlaptops (3) vorgeschlagen haben,
das etwa 100 Dollar kosten und in den strukturschwachen Gebieten der
Dritten Welt zum Einsatz kommen soll, ist nun auch schon einige Zeit
vergangen, und das Projekt hat sich erstaunlich gut entwickelt.

Die  Hardwarespezifikationen (4) sind weitgehend geklärt. Neben der
immer wieder in den Medien erwähnten  Wiederaufladbarkeit per Hand-
oder Fußkurbel kommen noch eine ganze Reihe  anderer Systemanpassungen
zum Tragen, wie zum Beispiel Bildschirme, die  sowohl in sehr
energiesparenden Schwarzweiß- als auch in Farbmodi betrieben  werden
können. Da sie konsequent für den Einsatz außer Haus ausgelegt werden
sollen, müssen OLPC-Bildschirme unter Sonneneinstrahlung besser lesbar
sein,  als man das von Laptops gewohnt ist. Das Gerät soll
unempfindlich gegen  Wasser und Staub sein, als Massenspeicher
RAM-Chips statt einer Festplatte  benutzen, unter 1,5 Kilogramm wiegen
und ein stabileres Gehäuse besitzen als  die meisten marktüblichen
Laptops.

Das sind ehrgeizige Ziele, vor allem bei dem angestrebten Preis, aber
die Systementwickler sind dabei, sie zu erreichen -  es existieren
mittlerweile einige Designs, die viele der geforderten Merkmale
aufweisen (5).

Das einzige Stück moderner Elektronik im weiten Umkreis

Von der Hardwareseite wirkt der Kinderlaptop für die arme Welt wie
eine
  radikalisierte Form von Kleinrechner-Konzepten, die in der reichen
Welt aus  verschiedenen Gründen nur bescheidenen Erfolg hatten - man
denke nur an den  Atari Portfolio (6), den  Apple eMate 300 (7)und den
Brainium DreamMax (8).

Der OLPC-Rechner soll jedoch auch anspruchsvolleren Anforderungen
genügen. So sind die Maschinen zum Beispiel "out of the box" so
angelegt, dass sie miteinander drahtlose Netzwerke bilden können -
zusätzlich zu ihrer WLAN-Fähigkeit. Was für eine Technologe dabei zum
Einsatz kommen soll, scheint noch nicht ganz geklärt zu sein.

Man muss bedenken, dass der OLPC-Rechner, dort wo er  auftaucht, kein
Zweitgerät für den mobilen Einsatz, sondern der einzige  Rechner für
einen ganzen Familienzusammenhang sein wird, wenn nicht gar das
einzige Stück moderner Elektronik im weiten Umkreis. Bei Testläufen in
Kambodscha fiel auf, dass der Bildschirm des Laptops der hellste
Gegenstand  im ganzen Haus war.

Konsequent mit Open-Source-Programmen

Was die Software angeht, so setzen Negroponte und seine  Leute
konsequent auf  Open-Source-Programme (9). Das macht Sinn, denn wer
würde schon die jungen Laptopbesitzer, kaum, dass sie sich  mit ihren
Rechnern vertraut gemacht haben, an proprietäre Urheberrechtsansprüche
ketten wollen, die ihnen gleich wieder die Hände binden? Sind doch
genau diese  Urheberrechtsansprüche in sehr sensiblen Bereichen eines
der größten Probleme  der armen Welt, wie das Beispiel
AIDS-Medikamente
zeigt (vgl.  Patent ausgebremst (10)).

Freilich löst die Open-Source-Strategie beim OLPC-Rechner das
Grundproblem  der Open-Source-Software in einer Welt der geschlossenen
Gesellschaften nicht:  dass sie sich nämlich aufgrund ihrer Qualität
und ihrer kostengünstigen Bereitstellung in ganz besonderem Maß dafür
eignet, von den jeweils Herrschenden in Besitz genommen und für Zwecke
missbraucht zu werden, die schon ihrem Minimalanliegen
(Informationsfreiheit) krass widersprechen.

Und dieser Webfehler betrifft das ganze Projekt. China, eines der
Länder, das sich für den 100-Dollar-Laptop interessiert, ist nun nicht
gerade als ein Förderer der Informationsfreiheit bekannt. Dass die
Chinesen mit einer OLPC-gestützten Volksbildungskampagne etwas anderes
im Sinn haben als die Befreiung der armen chinesischen 
Landbevölkerung
(11) darf angenommen werden. Das Problem ist nicht eines des Designs.

Kein Wundermittel gegen Armut

Nicht nur die Hardware des Geräts macht einen gut durchdachten
Eindruck, man hat  auch mit Leuten wie  Seymour Papert (12) und  Alan
Kay (13) Interface-Experten  an Bord (14), die wie kaum jemand anders
über das menschliche Lernen im Zusammenhang mit Computern  Bescheid
wissen. Und dass auch Analphabeten mit kostengünstig zur Verfügung
gestellten Computer- und Netzkapazitäten etwas anfangen können, ist
durch  Feldversuche  bewiesen (15).

Das Problem ist viel eher das des politischen Kontexts, in dem die
Computer für die Armen wirken sollen. Die OLPC-Aktiven betonen, dass
sie nicht glauben, ihr Gerät sei ein  Wundermittel gegen Armut (16).

Aber was, wenn es ein Wundermittel für Armut wäre? Wenn die Cleverles,
die seinen Charakter als Produktionsmittel besser erkennen als die
anderen, es  nur zum Aufbau von Unternehmen benutzen, die ihre
Landsleute genau so hart  ausbeuten wie die gut eingeführten
Zulieferer
von Konzernen aus dem Norden?  Oder sogar härter, weil die Konkurrenz
der Alteingesessenen das verlangt?

Naiver Glaube an die Macht der Bildung

Was, wenn die wunderbar altruistische Aktion mit  Grassroots-Appeal
(17) letztlich auf nichts anderes hinausläuft, als auf die
Mobilisierung bisher ungenutzter intellektueller Ressourcen im Dienst
des Nordens, der erst die ohnehin schwachen Haushalte von
Drittweltländern durch die 100-Dollar-Laptops weiter belastet und
später das Humankapital abschöpft, das ihm nutzt?

Oder was, wenn letztendlich nichts weiter dabei herauskommt als ein
satter Gewinn für die Firma, die die Laptops  herstellt (18), während
die quietschbunten Kinderlaptops auf Drittweltdeponien vergammeln und
mit  ihnen die letzten Spargroschen, die die betreffenden Länder für
sie  ausgegeben haben?

Nein, natürlich muss es nicht so kommen. Aber es ist wichtig, sich
diese Fragen zu stellen, und das tut die OLPC-Inititative eindeutig
nicht in ausreichendem Maß. Das ganze Projekt ist von einem naiven
Glauben an die Macht der Bildung als solcher getragen, an die Inhalte,
die Ziele und den Kontext der Bildungsanstrengung werden kaum Gedanken
verschwendet.

Die Schwächen der  traditionellen Entwicklungspolitik liegen schon
lange zutage. Da ist es schon einmal ein oder zwei Gedanken wert, wie
man die Chancen  der Bevölkerung in den armen Ländern auf eine bessere
Zukunft erhöhen kann, indem man direkt bei ihr ansetzt, und es kann
wohl kaum Zweifel geben, dass Bildung im Allgemeinen und Computer im
Besonderen eine wichtige Rolle dabei spielen könnten.

Wo soll sie denn später hin?

Aber wenn diese Bildung stattfindet - wo soll sie denn später hin,  in
kaputten politischen Systemen, die ihr entweder misstrauen, sie
missbrauchen oder gar nichts mit ihr anzufangen wissen, weil die
nötigen Ressourcen nicht da sind?

Sollte der junge Erwachsene, der sich mit Hilfe eines
100-Dollar-Laptops  seine Universität selbst zusammengesucht hat,
vielleicht beim organisierten Verbrechen, bei Warlords, oder bei
Diktatoren anheuern? Oder sollte er lieber gleich auswandern, um
vielleicht zu den gut ausgebildeten und hochmotivierten Migranten zu
gehören, die der Norden gerne nimmt, während die weniger brauchbaren
Landsleute im Mittelmeer oder im Atlantik ertrinken dürfen?

Diese Art der Technikfolgenabschätzung scheint die Leute um Negroponte
wenig zu belasten. Stattdessen sind sie der Überzeugung, dass die
Lösung des Problems in einer riesigen Materialschlacht besteht - denn
die fünf bis zehn Millionen 100-Dollar-Laptops der ersten Generation
sollen ja erst der Anfang sein, Negroponte denkt bereits in anderen
Quantitäten:

--100 Millionen Stück von überhaupt irgend etwas herzustellen, ist
eine
Riesenaufgabe.Das ist nicht nur ein Problem der Lieferketten, sondern
auch eines des Designs selbst. Die Größenordnung ist
schwindelerregend,
aber mich erstaunt, was uns einige Firmen vorschlagen. Es fühlt sich
an, als sei mindestens die Hälfte der Probleme durch bloße
Entschlossenheit zu lösen.--

Wieviel Prozent seiner Entschlossenheit möchte er der Lösung der
politischen  Probleme widmen, die seine Idee in der Ausführung sehr
schnell in einen Alptraum  verwandeln könnten? Man braucht die
OLPC-Initiative nicht zu  verspotten (19), wie es jüngst Bill Gates
aus
sehr durchsichtigen Motiven getan hat.

Würde sich sein Spott doch sofort in Begeisterung verwandeln, wenn die
Dritte Welt mit windowsbasierten Billiglaptops überschwemmt werden
sollte, für deren Entwicklung er keinen Cent ausgegeben hat. Aber eine
gesunde Skepsis ist angebracht.

Wahrscheinlich werden sehr interessante Dinge die Folge sein, wenn das
100-Dollar-Laptop die Verbreitung findet, die seine Entwickler ihm
wünschen. Man kann schon auf die Kunstwerke gespannt sein, die
Programme, die Systemlösungen, die dringend benötigten Innovationen
zur
Energieeinsparung, die von den Nutzern der Maschine erdacht und
geschaffen werden. Aber dass das Elend der  Dritten Welt dadurch auch
nur gelindert wird, wenn die politischen  Rahmenbedingungen und das
Weltwirtschaftssystem so bleiben, wie sie sind,  braucht niemand zu
hoffen.

  LINKS

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/100-Dollar-Laptop 
(2) http://web.mit.edu/aboutmit/ 
(3) http://laptop.org/index.de.html 
(4) http://wiki.laptop.org/go/Hardware_specification 
(5) http://www.laptop.org/download.en_US.html 
(6) http://de.wikipedia.org/wiki/Atari_Portfolio 
(7)
http://www.everymac.com/systems/apple/messagepad/stats/emate_300.html 
(8) http://www.macobserver.com/article/2001/10/09.6.shtml 
(9) http://wiki.laptop.org/go/OLPC_on_open_source_software 
(10) http://www.telepolis.de/r4/artikel/21/21386/1.html 
(11)
http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/89486/i

ndex.html
(12) http://www.papert.org/ 
(13) http://de.wikipedia.org/wiki/Alan_Kay 
(14) http://www.laptop.org/people.de.html 
(15)
http://www.indien-netzwerk.de/navigation/kulturgesellschaft/gesellschaft

/artikel/computer_slumkids.htm
(16)
http://wiki.laptop.org/go/OLPC_myths#You.27re_expecting_this_to_be_a_mag

ic_bullet_for_poverty
(17) http://www.de.pledgebank.com/100laptop 
(18) http://www.heise.de/newsticker/meldung/67356
(19)
http://www.stern.de/computer-technik/computer/:One-Laptop-Per-Child-Gate

s-%FCber-100-Dollar-Computer/557838.html


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