[FFL] Die 25.000-Euro-Kampagne

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So Jul 14 12:58:50 CEST 2013


Hallo Leute!

Und hier noch ein interessanter Artikel von John F. Nebel...

Ciao
   Klaus


Jahresrückblick: Die 25.000-Euro-Kampagne - der Waffenindustrie das 
Fürchten gelehrt

By John F. Nebel / 17 Dez 2012

Es war wohl eine der schönsten, aggressivsten und erfolgreichsten 
Kampagnen gegen die deutsche Waffenindustrie seit langem: im Mai 2012 
lobte die Aktionskünstlergruppe "Zentrum für politische Schönheit" 
(ZPS) 25.000 Euro für Hinweise aus, die zu einer Verurteilung der 
Haupteigner des Panzerkonzerns Krauss-Maffei Wegmann führen würden.

Doch es ging dabei nicht um eine Verurteilung wegen illegalen 
Waffenexports oder Verstöße gegen Waffenkontrollgesetze. Weil diese 
Gesetze nicht greifen und die Bundesregierung den Panzerdeal mit 
Saudi-Arabien unterstützt, sollten die Eigentümer wegen 
Steuerhinterziehung, Korruption, illegaler Beschäftigung von 
Haushaltshilfen oder ähnlicher Vergehen hinter Gitter. Kern der 
Kampagne war die Webseite 25000-euro.de, auf der mit Steckbriefen und 
Fahndungsfotos die Haupteigner des Familienkonzerns aufgelistet 
wurden. Aus offen zugänglichen Quellen wie dem Handelsregister hatten 
die Aktionskünstler erst die Eigner und dann die Lebensläufe der 
Mitglieder der Panzerfamilien recherchiert und diese dann mit dem 
Kampagnenstart der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Hinter der bürgerlichen Fassade

Diese Methode brach die bürgerliche Fassade der Waffenproduzenten 
auf: Wer hätte vermutet, dass sich die Eigentümer einer Panzerfirma 
in der Humanistischen Union engagieren, Kunstausstellungen machen 
oder als Psychotherapeutinnen arbeiten? Ihre Kinder auf 
Waldorfschulen schicken, als 68er aktiv waren, grünen Stiftungen 
Häuser vermieten und als Lehrerinnen an Berufsschulen arbeiten? Alte 
Freunde der Eigner waren vor den Kopf gestoßen. Auf einmal wussten 
sie, mit wem sie es zu tun hatten. Gerade noch ein Freund, jetzt 
Panzerher steller für das Regime in Saudi-Arabien. Die politische 
Debatte um Krieg, Menschenrechte und Panzer wurde direkt vor die 
Haustüren der Firmenbesitzer - und somit auf eine vollkommen 
persönliche Ebene getragen.

Die Waffenfirma stand ratlos da. Der Angriffsvektor der Kampagne 
hatte den wunden Punkt getroffen. Mit Kampagnen gegen das Unternehmen 
selbst kennen sich Rüstungskonzerne aus. Sie stehen seit Jahren im 
Fokus der Friedensbewegung und machen bei deren Aktionen das, was sie 
immer tun, wenn irgendetwas passiert: beobachten, totschweigen, 
aussitzen. Doch dieses Mal war die Überraschung zu groß, die Kampagne 
zu radikal, der Ansatz zu neu.

Maskottchen der Rüstungsindustrie

Anfangs zeigte sich Kurt Braatz, der Sprecher von Krauss-Maffei 
Wegmann, entsetzt über die Kampagne, "vor allem aus moralischen 
Gründen." Doch Waffenfirmen haben naturgemäß keine Glaubwürdigkeit in 
Sachen Moral, weswegen diese Strategie nicht fruchtete und dann 
schnell aufgegeben wurde. Zumal das ZPS jetzt auch den Pressesprecher 
persönlich attackierte und ihn auf der Webseite als Maskottchen der 
deutschen Rüstungsindustrie präsentierte. Der Kampagne gelang es 
wegen der Schärfe der Aktion und der umstrittenen Methode mit den 
Steckbriefen schnell, das Thema Panzer für Saudi-Arabien auf die 
Agenda zu setzen. Die kritischen Fragen wie "Darf man das?" oder 
"Geht das nicht zu weit, wenn man Privatpersonen an den Pranger 
stellt?" wurden geschickt als Hebel benutzt, um die politische 
Kampagne bundesweit bekannt zu machen. Und das in einer Situation, in 
der es praktisch keine Berichterstattung zum Panzerdeal mehr gab.

Hilflose Reaktionen

Krauss-Maffei Wegmann selbst und auch die Eigner wollten immer wieder 
die Verantwortung der Bundesregierung zuschieben, um selbst aus dem 
Fokus zu geraten. Der Pressesprecher erdreistete sich gar dem 
Bayrischen Rundfunk zu sagen: "Wir haben doch gar keine andere Wahl" 
- man müsse die Bundesregierung fragen, die ja das Geschäft politisch 
verantworte. Ein durchschaubarer Versuch, auf den sich die Aktivisten 
nicht einließen.

Immer mehr Medien berichteten nun über die Kampagne und begannen auch 
über Krauss-Maffei Wegmann zu recherchieren. Den Aktivisten selbst 
wurden weitere Details über die Eigner aus deren Umfeld zugespielt. 
Sie reichten diese umgehend an Journalisten weiter oder schlachteten 
sie direkt auf der Webseite aus.
Im Verlauf führte die Kampagne sogar dazu, dass sich mit Burkhart von 
Braunbehrens einer der Eigner öffentlich gegen den Deal stellte und 
in der Folge seinen Posten im Aufsichtsrat des Konzerns verlor. Heute 
lässt der 70-jährige kaum eine Gelegenheit aus, seine Version der 
Geschichte zu erzählen. Er kämpft um seine Ehre in den Medien - und 
ist damit ein PR-Super-Gau für den verschwiegenen Waffenkonzern. 
Angeblich prüft Krauss-Maffei Wegmann mittlerweile, wie der 
"Nestbeschmutzer" komplett ausgeschlossen werden kann.

Sowohl der Konzern wie auch die Anteilseigner trauten sich lange Zeit 
nicht, mit rechtlichen Mitteln gegen die Kampagne vorzugehen, wohl 
wissend, dass dies noch mehr Öffentlichkeit bedeutet hätte. Sie 
spekulierten auf das Versanden, denn viele Kampagnen verhungern nach 
ein paar Tagen, weil die Aktivisten kein neues Futter nachlegen 
können. Eine Stärke der Kampagne war jedoch der von Anfang an voll 
gepackte Rucksack an Tools, um immer wieder etwas neues in den Ring 
werfen zu können.

Voll gepacktes Kommunikationsarsenal

Die Kampagne startete mit Großflächenplakaten und der Webseite. Ein 
an ein Crowdfunding-Spendenmeter erinnernder Balken zeigte auf der 
Seite den Prozentwert der eingegangenen Hinweise an: "Schon 30 % 
Hinweise, noch 70 % bis es zur Anzeige reicht". Kurz darauf folgte 
ein animiertes Video von Alexander Lehmann, das den Leopard-Panzer im 
Einsatz gegen Demonstranten zeigte. Dann wurden Steckbriefe zum 
Ausdrucken bereit gestellt, die an den Wohnorten der Eigner 
aufgehängt wurden. Ein paar Tage später wurden die Waffenproduzenten 
in künstlerischen Videos porträtiert, während auf der Webseite 
Mitarbeiter des Konzerns zum Leaken von Informationen aufgerufen 
wurden. Gefakte Blogs wurden zur Verstärkung eingesetzt, ein 
Bundeskanzler aus der Zukunft sprach eine Videomessage. Unterstützer 
wurden zum Herstellen von User Generated Content animiert - und 
begannen tatsächlich Videos, Briefe und Blogs zu erstellen. Es wurden 
Petitionen gestartet und sogar Werke der Panzerfirmeneigner verlost. 
Menschenrechtler aus Bahrain sagten per Videobotschaft, warum der 
Panzerdeal ein Problem sei. Bürger erklärten den Panzerherstellern 
den Krieg und schickten ihnen einen Brief mit Patronen. Es gab sogar 
einem T-Shirt-Shop mit den Konterfeis der Panzerfamilie. Und der 
Sprecher der Bundesregierung wurde derart auf Twitter mit Fragen 
bombardiert, dass er reagieren musste. In der Anfangsphase war die 
Kampagne von einem veritablen Shitstorm begleitet. Mit immer neuen 
Tools und Einfällen konnten die Aktivisten mehr als vier Wochen lang 
das Thema aufrecht erhalten.

Zwar verlagerte sich die Berichterstattung schon recht bald weg von 
der Kampagne hin zu Details über den Rüstungskonzern, der 
Eigentumsverhältnisse des Familienunternehmens und zur Haltung der 
Bundesregierung zum Panzerdeal mit den Saudis. Die Presse stellte nun 
Transparenz im wenig beleuchteten Feld eines familiengeführten 
Rüstungskonzerns her. Medien aus Frankreich, Dänemark, Russland und 
vielen anderen Ländern berichteten. Das Zentrum für politische 
Schönheit hatte an diesem Punkt schon das eigentliche Kampagnenziel 
mehr als erreicht: eine Debatte anfachen und den politischen Preis 
für den Panzerexport nach oben treiben. Dass irgendjemand in den 
Knast gehen würde, hatten die Aktivisten nie geglaubt. Das war immer 
nur der Aufhänger für die Kampagne gewesen.

Abmahnungen und Streisand

Erst nachdem sich die große mediale Welle gelegt hatte, musste das 
ZPS Anfang Juli eine Unterlassungserklärung unterschreiben, die nicht 
mehr abgewendet werden konnte. Fortan durfte kein "Kopfgeld" mehr 
ausgesetzt und keine "Fahndung" mehr betrieben werden. Bestimmte 
Formulierungen, Sätze und Bilder mussten von der Kampagnenseite 
entfernt werden. Von diesem juristischen Erfolg bestätigt, versuchten 
die Anwälte der Eigner nun weitere Inhalte der Kampagne aus dem Netz 
zu klagen. Sie drohten der Erstellerin des trashigen Videos 
"Schnuppivera", das die Eignerin und Psychotherapeutin Vera von 
Braunbehrens auf die Schippe nimmt, mit einer Klage, wenn sie das 
Video nicht entfernen würde. Das ZPS veröffentlichte das 
Anwaltsschreiben - und löste damit den Streisand-Effekt aus. Das 
Video, das bis dahin nur ein paar hundert Klicks hatte, wurde 
schlagartig auf zahlreiche Plattformen kopiert - und hat heute 
alleine auf Youtube mehr als 42.000 Abrufe. Nach diesem Schuss vor 
den Bug stellten die Anwälte ihre Aktivitäten gegen die Kampagne und 
ihre Unterstützer ein.

Gleich mehrere Ziele erreicht

Auch wenn die Kampagne danach erwartungsgemäß abflaute, erreichte sie 
gleich mehrere Ziele: Das Google-Karma des Konzerns Krauss-Maffei 
Wegmann und seiner Anteilseigner ist nachhaltig und langfristig 
beschädigt. Wer heute nach dem Konzern sucht, kommt an der Kampagne 
nicht vorbei. Die Besitzer des Familienkonzerns sind heute weithin im 
Netz sichtbar. Außerdem wurde die Struktur des Konzerns von Medien 
intensiv dargestellt und ist heute präsenter denn je.

Die Kampagne hat ein Grundrauschen verursacht, das die 
Berichterstattung zum Panzerdeal und Waffenexporten auch heute noch 
verstärkt. Gleichzeitig haben einzelne Mitglieder der Panzerfamilie 
mediale Aktivitäten entwickelt, die der Hinterzimmerlogik und 
lautlosen Vorgehensweise von Rüstungskonzernen diametral 
entgegenstehen.

Gleichzeitig wurde der politische Preis für den Rüstungsexport so 
hoch getrieben, dass Stimmen aus der Bundesregierung unter 
vorgehaltener Hand sagen, dass der Panzerdeal mit den Saudis nicht 
mehr vor der Bundestagswahl 2013 zustande kommen wird.

Lernen für andere politische Kampagnen

Aktivisten können von der Panzerkampagne lernen, dass mit wenig 
Ressourcen, klugen Angriffsvektoren und einem bunten Strauß von 
Kampagnentools manchmal mehr möglich ist als mit einem breiten 
zivilgesellschaftlichen Bündnis, das klassisch aufgestellt ist. Eine 
Vorgehensweise, die auch Methoden der Kommunikationsguerilla 
einstreut, ist dabei vielversprechend und unterstützt die 
Überraschungseffekte.

Kampagnen brauchen dabei viel Munition um langfristig den Druck 
aufrecht zu erhalten: sie müssen sowohl den Unterstützern wie auch 
der Presse immer wieder Neues bieten. Dabei sollten sowohl das ganze 
Arsenal der Onlinekommunikation wie auch einige Offline-Mittel 
genutzt werden, weil so eine Verstärkung der Kampagne stattfindet und 
das Anliegen für den Gegner sichtbar auf die Straße getragen wird.

Ist der Gegner wie die Rüstungsindustrie in einer moralisch schwachen 
Position, lassen sich auch aggressive Kampagnen gegen ihn fahren, die 
trotz ihrer Radikalität eine breite Unterstützung der Öffentlichkeit 
genießen. Vermutlich hat die Aktion des Zentrums für politische 
Schönheit nur ein paar tausend Euro und viele hundert Arbeitsstunden 
gekostet: der Effekt ist der ei ner Millionenkampagne. Chapeau!

Grundlage dieses Artikels ist ein Hintergrundgespräch mit zwei 
Aktivisten des Zentrums für politische Schönheit.


John F. Nebel

John F. Nebel ist Blogger, Podcaster und Journalist. Bei Metronaut 
sind seine Themen Soziale Bewegungen, Grundrechte, Freiheit, 
Überwachung, Netzpolitik, Aktivismus, Public Relations und alles 
andere, was ihn gerade interessiert.



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