[FFL] Juergen Todenhoefer aus Syrien

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Do Jan 26 20:29:46 CET 2012


26.01.2012

Syrien
Reise in ein verbotenes Land
Von Jürgen Todenhöfer

Foto
Soldaten an einer Straße in Homs. Die drittgrößte Stadt Syriens mit 
etwa 800.000 Einwohnern ist eines der Zentren der Proteste gegen 
Präsident Baschar al-Assad.

Seit Monaten darf kein westlicher Reporter mehr in die syrischen 
Rebellenhochburgen. Jürgen Todenhöfer war dort - und sieht Syrien am 
Rande eines Bürgerkriegs

"Ich ein Staatsfeind?", frage ich verdutzt den Grenzbeamten, der mir 
abends am Flughafen Damaskus die Einreise verweigert. "Gegen Sie 
liegt ein Einreiseverbot des Geheimdienstes vor!", antwortet er 
knapp. "Folgen Sie mir!" In einem kargen Büro beginnt ein Verhör, 
immer wieder unterbrochen von hektischen Telefonaten. Im Juni hatte 
ich als Tourist Syrien bereist und Daraa besucht, die Stadt, in 
welcher der Aufstand begann. Ich hatte darüber geschrieben. Den 
Geheimdiensten schien das missfallen zu haben. Ausländische 
Journalisten sind in Syrien seit langem nicht mehr zugelassen - ein 
politisches Eigentor der Extraklasse! Seitdem ist die ausländische 
Berichterstattung nicht mehr zu 80, sondern zu 100 Prozent negativ.

Ich beginne, mich nach einem Plätzchen umzusehen, wo ich bis zur 
Abschiebung ein paar Stunden schlafen könnte. Doch plötzlich, gegen 
Mitternacht, wendet ein Anruf des Außenministeriums das Blatt. "Sie 
können einreisen, entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten!", sagt 
einer der Beamten müde. Syrien ist ein Land voller Überraschungen und 
Widersprüche.

Am nächsten Nachmittag stehe ich auf dem Omajaden-Platz - inmitten 
einer staatlich organisierten Großveranstaltung für Präsident Baschar 
al-Assad. Obwohl die Staatsdemo schon morgens begonnen hat, feiern 
noch mehr als eine halbe Million Menschen. Hunderttausende rufen in 
Sprechchören: "Assad heißt Freiheit, Assad heißt Demokratie!" 
Staunend stehe ich in der Menge. Bezahlte Jubel-Syrer?

Es herrscht Volksfeststimmung. Junge Soldaten und Mädchen fordern 
mich zum Tanzen auf. Dankend lehne ich ab. Aber in Damaskus scheint 
Assad mehr Anhänger zu haben, als die Welt glaubt. Die Zahl der 
Demonstranten ist mindestens zehnmal so groß wie am nächsten Tag in 
den westlichen Medien berichtet. Das kommt davon, wenn man die 
Weltpresse aussperrt!

Damaskus allein ist nicht Syrien. Ich beschließe daher, mir auch Homs 
und Hama, die Hochburgen der Revolution anzuschauen. Auf eigene 
Faust. Mit einem Taxi, dessen Fahrer dort Verwandte hat.

Homs, einst viel bewundertes Vorbild des friedlichen Miteinanders der 
Religionen, ist heute Schauplatz blutiger Kämpfe. Unzählige Menschen 
sind dabei getötet oder schwer verwundet worden. Ich erwarte eine von 
Panzern umstellte Stadt. Aber am Stadteingang sind weder Soldaten 
noch militärische Sperranlagen zu entdecken. Nur Schutzwälle aus 
Sandsäcken an Straßenkreuzungen und öffentlichen Gebäuden erinnern 
daran, dass hier häufig Kämpfe toben. Die Geschäfte sind offen, 
tausende Menschen sind unterwegs. Auf dem Wochenmarkt, auf dem es von 
Fleisch und Gemüse bis zu warmer Unterwäsche alles zu kaufen gibt, 
erwerbe ich drei Bananen. Der schnauzbärtige Verkäufer schenkt mir 
eine Tüte Mandarinen dazu. "Danke, dass Sie gekommen sind! Hier kommt 
niemand mehr her."

In einem Teehaus spielen alte Männer Backgammon. In einer schummrigen 
Ecke nehmen wir Platz, bestellen Minztee und eine Shisha-Pfeife. Ein 
junger Mann setzt sich zu uns. "Heute Abend wird es Kämpfe geben", 
sagt er leise. "Sie sollten bald abfahren." Dann erzählt er von der 
Revolution, von seinen Träumen von Freiheit und seiner Angst vor den 
Geheimdiensten. "Die Menschen hassen das System. Es ist korrupt und 
brutal." Ich will wissen, wie viel Prozent in Homs hinter seinen 
Freunden, den Rebellen stünden. "Fünfzig Prozent", antwortet er. "Wir 
bekommen einen furchtbaren Bürgerkrieg, wenn es nicht bald eine 
Lösung gibt." Wieder staune ich: Nur 50 Prozent unterstützen den 
Aufstand von Homs? Doch ich höre diese Zahl mehrfach. Vor allem von 
Alawiten und Christen, die hier 40 Prozent der Bevölkerung stellen.

Nach Sonnenuntergang fahren wir nach Hama, in die Stadt der 
malerischen Wasserräder und Aquädukte aus römischer Zeit. Im Souk 
pulsiert das Leben. Fröhlich grüßen uns die Menschen. Drei junge 
Männer ziehen uns in einen düsteren Hinterhof und berichten von den 
Kämpfen, die Syrien zweiteilen. Die großen Ballungszentren Damaskus 
und Aleppo seien noch ruhig, aber im Landesinneren hätten sich zum 
Schutz der friedlichen Demonstranten bewaffnete Einheiten gebildet. 
Der Jüngste der Gruppe zeigt mir ein Handy-Foto seines Vaters. Er sei 
bei einer Demo erschossen worden. Sein Filmmaterial will er mir nicht 
geben. Da könne er sich gleich im städtischen Gefängnis melden. Die 
Menschen hier haben Angst.

Spätabends sind wir in unserem Hotel in Hama. Todmüde falle ich ins 
Bett. Plötzlich höre ich eine Explosion und Gewehrsalven. Ich rufe 
die Rezeption an und frage, was los sei. "Das Übliche", sagt der 
kleine, dicke Mann, der uns kurz zuvor noch eine friedliche Nachtruhe 
gewünscht hatte, und lacht. "Sie können ruhig weiterschlafen."

Am nächsten Mittag fahren wir zurück nach Homs. Wieder diskutieren 
wir mit jungen Leuten, diesmal mit Christen. Auch sie demonstrieren 
regelmäßig für Demokratie. Unter großem persönlichen Risiko. Sie 
berichten von der Brutalität der staatlichen Sicherheitskräfte, aber 
auch von gnadenlosen, schwer bewaffneten Aufständischen. Sie schätzen 
deren Zahl landesweit auf 5 000. Nur ein Bruchteil davon seien 
desertierte Soldaten. Die spielten nur in den westlichen Medien eine 
besondere Rolle.

Die bewaffneten Aufständischen operierten im Stil von Guerilla-
Kommandos, sagen unsere Gesprächspartner. Sie töteten nicht nur 
Soldaten und Polizisten, sondern gezielt auch Zivilisten. Es sind vor 
allem Alawiten. Aber auch Christen. Fast jeder in Homs kenne 
derartige Fälle. Die Behauptung, sie schützten Demonstranten, sei ein 
Vorwand. Ihr Ziel sei die Eskalation des Konflikts, das Chaos. 
Niemand wisse genau, von wem sie gesteuert werden. Sie hätten der 
Revolution ihre Unschuld gestohlen. Die meisten friedlichen 
Demonstranten und auch die Oppositionsparteien hätten andere Motive, 
sagen die jungen Christen. Ihnen gehe es um echte Demokratie. Sie 
wollten nicht länger von den staatlichen Sicherheitsapparaten wie 
unmündige Kinder gegängelt werden. Die Nato brauche man dazu nicht. 
Man wolle kein zweites Libyen. Der Westen mische sich ohnehin schon 
viel zu sehr ein. Die Revolution gehöre den Syrern. Syrien sei ein 
stolzes Land.

Es ist ein langes, nachdenkliches Gespräch, nur gestört von den 
Sirenen häufig vorbeifahrender Krankenwagen. Von der Straße aus gibt 
uns der Fahrer nervöse Zeichen aufzubrechen. Er hat mehrere Anrufe 
aus Damaskus erhalten. Al Dschasira und das syrische Fernsehen 
berichteten seit sechs Uhr morgens über schwere Kämpfe in Homs. Mit 
zahlreichen Toten. Das also ist der Grund, warum so viele 
Krankenwagen durch Homs rasen.

Plötzlich menschenleere Straßen

Die Kämpfe finden im westlichen Teil von Homs, in Baba Amrou, 
Azzahraa und in der 60th Street statt, während wir uns im Zentrum 
befinden. Das ist angeblich noch sicher. Ich will noch einmal zur Ad- 
Droubi-Moschee laufen, um meine Gedanken zu ordnen. Zu vieles geht 
mir durch den Kopf. Was ist Dichtung, was ist Wahrheit? Doch unser 
Fahrer wird immer ungeduldiger. Im Schritttempo fährt er hinter uns 
her. Wie auf ein geheimes Zeichen lassen alle Geschäfte ihre eisernen 
Rollläden runter. Die Straßen sind plötzlich menschenleer, 
gespenstisch. "Man soll sein Schicksal nicht überfordern", denke ich 
und steige ins Taxi. Erleichtert rast der Fahrer los.

Kurz nach Sonnenuntergang sind wir in Damaskus. Wieder ist hier von 
Revolution nichts zu spüren. Syrien ist ein tief gespaltenes Land und 
viel komplexer als die westliche Politik denkt. In den Cafés und 
Souvenirläden der Hauptstadt sind die Menschen gegenüber den wenigen 
Touristen, die trotz Reisewarnung gekommen sind, noch liebenswerter 
als sonst. Sie scheinen entspannt und gelassen. Doch vielleicht ist 
das nur die Ruhe vor dem großen Sturm, der sich im Landesinneren und 
in den Vorstädten zusammenbraut. Allein an den beiden Tagen, die wir 
in Homs und Hama verbrachten, starben dort 68 bewaffnete 
Aufständische, 34 Zivilisten, aber auch 16 Soldaten. Syrien, Wiege 
unserer Zivilisation, steuert auf eine blutige Tragödie zu.

Doch der Siegeszug der Demokratie ist unaufhaltbar. In der gesamten 
arabischen Welt. Auch in Syrien. Und das ist gut so. Das weiß 
Präsident Assad, und das wissen seine Gegner. Mit beiden habe ich 
darüber lange Gespräche geführt. Doch müssen dafür, wie in Libyen, 
Zehntausende oder gar Hunderttausende Menschen ihr Leben lassen? 
Nicht nur die syrische Regierung, die unverantwortlich hart gegen 
friedliche Demonstranten vorgeht, sondern auch die Führer der 
bewaffneten Guerillakommandos sollten darüber nachdenken. Und auch 
der Westen, der statt zu vermitteln, Öl ins Feuer gießt, und dessen 
Sanktionen die Existenz Hunderttausender kleiner Leute vernichten.

"Assad ist paradoxerweise der Einzige, der Syrien jetzt noch 
friedlich zu einer Demokratie umformen könnte", sagt mir ausgerechnet 
ein alter marxistischer Oppositionspolitiker. "Wenn er sich freien 
Präsidentschaftswahlen stellte - mit vollem Risiko. Eine solche 
demokratische Entscheidung würden sogar die meisten friedlichen 
Demonstranten akzeptieren. Weil viele Menschen noch immer einen 
Unterschied zwischen Assad und dem System machen". Der Oppositionelle 
hat mehr als ein Jahrzehnt in den Kerkern des Regimes verbracht. Sein 
leises Lächeln ist von unendlicher Traurigkeit. Als spiegele es die 
Zukunft seines zerrissenen Landes.

http://www.berliner-zeitung.de/politik/syrien-reise-in-ein-verbotenes-land ,10808018,11219274.html 




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