[FFL] Afghanistan-Konferenz

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Do Feb 3 10:27:36 CET 2011


Hallo Leute!

Hier - ein bißchen verspätet - ein Artikel zur Afghanistan-Konferenz
in Berlin.

Ciao
   Klaus Schramm


31.01.2011

Afghanistan-Konferenz
Stimmen der Demokratie

In neun Jahren Krieg hat sich die Lage für die Menschen in 
Afghanistan nach und nach weiter verschlechtert. VertreterInnen der 
afghanischen demokratischen Opposition sprachen sich auf der 
'Internationalen Afghanistan Konferenz' der Linkspartei in Berlin für 
einen Truppenabzug, Selbstbestimmung und Unterstützung eines 
demokratischen Aufbaus aus.

Mit einem eindringlichen Appell, die demokratischen Kräfte in 
Afghanistan zu unterstützen, endete am Wochenende die 
'Internationalen Afghanistan Konferenz' der Linkspartei in Berlin, an 
der über 400 Menschen teilnahmen. Gekommen waren VertreterInnen 
afghanischer zivilgesellschaftlicher Organisationen und verschiedener 
fortschrittlicher Parteien, kritische JournalistInnen sowie Frauen- 
und MenschenrechtsaktivistInnen. Von den Bundestagsabgeordneten, die 
kurz zuvor mit ihren Stimmen die Verlängerung des ISAF-Mandats für 
den Bundeswehreinsatz in Afghanistan durchgesetzt hatten, 
interessierte sich niemand für die Konferenz.

Noch immer werden die afghanischen Frauen - nicht zuletzt durch die 
Pseudo-Grünen - als Vorwand benutzt, um den Krieg in Afghanistan zu 
rechtfertigen. Die junge und international bekannte Frauenrechtlerin 
Malalai Joya hielt dem entgegen, daß sich insbesondere die Lage der 
Frauen in Afghanistan infolge der Militarisierung der Gesellschaft 
und der Verschärfung des Krieges rapide verschlechtert habe. Nach wie 
vor sei die Armut im Land groß und demokratische, progressive Kräfte 
würden durch das korrupte Karsai-Regime und die Provinzgouverneure 
unterdrückt.

Leider kamen die realen Gründe für den Afghanistan-Krieg auf dieser 
Konferenz nicht zur Sprache und Gregor Gysi, Sprecher der Linkspartei-
Bundestagsfraktion, konnte einmal mehr die Legende verbreiten, keines 
der Ziele des Afghanistan-Kriegs sei erreicht worden. Damit lenkt er 
von den realen wirtschaftlichen Gründen ab und beglaubigt 
nachträglich die Propaganda, wonach der Krieg 2001 begonnen wurde, um 
den Terrorismus zu bekämpfen und Afghanistan Freiheit und Demokratie 
zu schenken.

Sayed Yaqub Ibrahimi, ein afghanischer Journalist, dessen jüngerer 
Bruder mit der Todesstrafe bedroht worden war, klagte die Kriegs-
Allianz der völligen Unterdrückung des Selbstbestimmungs- rechtes 
Afghanistans an: "Ich möchte, daß die Afghanen über ihr eigenes 
Schicksal entscheiden und nicht, daß über sie wie über ein Opfer 
entschieden wird." Er räumte zugleich mit dem in westlichen 
Mainstream-Medien verbreiteten Bild auf, in Afghanistan gebe es 
mittlerweile so etwas wie eine freie Presse: "Die Menschen, die offen 
über Afghanistan berichten, werden so unter Druck gesetzt, daß sie 
das Land verlassen. Oder sie zensieren sich selbst, damit sie ihr 
Leben fortsetzen können." Sayed Yaqub Ibrahimi verurteilte die 
Verlängerung des ISAF-Mandats durch den Deutschen Bundestag, dem sich 
allein die Fraktion der Linkspartei geschlossen widersetzt hatte. 
Bekannt sei allerdings in Afghanistan auch, daß die Entscheidung des 
Bundestages gegen den mehrheitlichen Willen der Deutschen gerichtet 
ist, die den Bundeswehreinsatz zu über 70 Prozent ablehnen.

Ungebrochen von den Anfeindungen, die ihr nicht zuletzt in 
Deutschland entgegen schlugen, sprach sich Malalai Joya klar für ein 
Ende der Besatzung Afghanistans aus. "Unser Volk hat dreierlei 
Feinde," sagte die Politikerin und Frauenrechtlerin, die 2007 wegen 
ihrer offenen Kritik an der Regierungsbeteiligung krimineller 
Warlords als gewählte Abgeordnete vom afghanischen Parlament 
ausgeschlossen worden war. Neben den ausländischen Besatzungstruppen 
seien radikalislamischen Taliban und Warlords die Feinde des Volkes. 
Sie rief die hiesigen Medien dazu auf, über die wachsende Anzahl von 
kritischen Organisationen, Bewegungen und Intellektuellen in 
Afghanistan zu berichten und diese nicht länger totzuschweigen.

Auch der Anwalt Karim Popal, der durch die Vertretung der Kundus-
Opfer-Familien bekannt wurde, bekundete: "99 Prozent der Menschen in 
Afghanistan wollen den Abzug der NATO, damit wir atmen können." Sher 
Mohammad Basergar, Vertreter der Bewegung für umfassende Demokratie 
und Entwicklung, forderte eine unabhängige Regierung und die Einheit 
aller fortschrittlichen Kräfte, die für den Frieden arbeiten: "Alle 
diese Charaktere müssen sich zusammentun und auf ein gemeinsames 
breites Programm einlassen." Diese demokratischen Kräfte, so 
Basergar, würden momentan die Unterstützung aus dem Ausland 
vermissen. Karim Popal hingegen appelliert an seine Landsleute. "Wir 
brauchen weniger die Unterstützung aus dem Ausland für die linken und 
demokratischen Kräfte, sondern vielmehr die Unterstützung der 
Afghanen selbst und den Dialog der Bevölkerung!" Said Pahiz, 
Vertreter der neu gegründeten Solidaritätspartei mit mehr als 30.000 
Mitgliedern in ganz Afghanistan, kündigte weitere Demonstrationen 
gegen die Präsenz der NATO-Truppen an.

Die KonferenzteilnehmerInnen solidarisierten sich mit der 
Demokratiebewegung in Ägypten und Tunesien und forderten eine aktive 
Unterstützung der demokratischen Kräfte in Afghanistan. Im Rahmen der 
Konferenz fand auch ein Vernetzungstreffen mit Exil-AfghanInnen in 
Deutschland statt. Dabei wurden kritisch und kontrovers der Abzug der 
internationalen Truppen und mögliche Verhandlungen mit den Taliban 
diskutiert. Umstritten war auch, ob die Warlords und 
Provinzgouverneure in Friedensverhandlungen einbezogen werden sollen. 
Popal etwa will die Warlords zum Dialog zwingen, Joya beurteilt die 
Warlords als "Kopie der Taliban" - beide hätten Blut an den Händen - 
und deshalb eigneten sie sich nicht für Gespräche. Basergar räumte 
ein, daß es ein Vakuum geben werde, wenn die internationalen Truppen 
das Land verlassen. Die große Mehrheit der afghanischen 
TeilnehmerInnen forderte den Abzug der Truppen.

VertreterInnen von Friedensgruppen in Deutschland kündigten für 
Herbst dieses Jahres - zum zehnten Jahrestag des Beginns der NATO-
Militärintervention in Afghanistan - ein Afghanistan-Tribunal an und 
eine Gegenkonferenz zur geplanten Petersburger Konferenz in Bonn.


LINKSZEITUNG


Anmerkungen

Siehe unsere Artikel:

      Wikileaks deckt Hintergründe
      des Afghanistan-Kriegs auf (28.07.10)

      Afghanistan-Krieg:
      Der deutsche Bundespräsident sagt die Wahrheit...
      und bezieht Prügel von Schwarz-Rot-Grün-Gelb (27.05.10)

      Afghanistan - 18 Tote
      bei Selbstmord-Anschlag in Kabul (18.05.10)

      Kundus-Massaker
      Skandal
      Bundesanwaltschaft kneift (19.04.10)

      Kundus-Massaker
      Organisation 85 versucht zu vernebeln (19.03.10)

      Bundestags-Entscheidung zum Afghanistan-Krieg
      Mehrheit erhöht Militär-Einsatz
      Linksfraktion setzt Zeichen (27.02.10)

      Kundus-Massaker
      Im Bundeskanzleramt geplant? (24.02.10)

      Kundus-Massaker: Die Lügen des Oberst Klein
      Wie lange kann sich zu Guttenberg noch halten? (17.01.10)

      Kundus-Massaker: Weiteres Material sickert durch
      Oberst Klein wollte 4 Taliban-Anführer "vernichten" (13.12.09)

      Kundus-Massaker: Killertruppe KSK beteiligt
      Guttenberg trägt nichts zur Aufklärung bei (10.12.09)

      Kundus-Massaker: US-Bomberpiloten fragten 5 mal
      wegen Tiefflügen / Oberst Klein behauptete "Feindberührung"
      (6.12.09)

      Kundus-Massaker: Jung zurückgetreten
      - Aufklärung gestoppt? (28.11.09)

      Wird das Bundeswehr-Massaker von Kundus jetzt aufgeklärt?
      Der Generalinspekteur der Bundeswehr
      und ein Staatssekretär traten heute zurück (26.11.09)

      Sprunghafter Anstieg von Fehlgeburten in Falludscha
      Häufung von Mißbildungen und Krebsfällen bei Kindern
      auf dem irakischen Schlachtfeld vom Oktober 2004 (15.11.09)

      Hoher US-Militär gibt auf
      Persönlicher Rückzug aus Afghanistan (27.10.09)

      Massaker in Afghanistan?
      Regelverletzung bei Bombardierung? (10.09.09)

      Afghanistan-Krieg: ZivilistInnen getötet
      bei Bombardierung zweier Tanklaster? (7.09.09)

      Afghanistan:
      Sayed Parvez Kambakhsh ist frei (6.09.09)

      Afghanistan-Krieg: 'Welthungerhilfe' kritisiert
      Vermischung von Aufbauhilfe und Militäreinsatz (16.08.09)

      Aufbauhilfe oder Unterdrückung?
      Afghanistan und die westlichen Milliarden (31.03.09)

      Wegen angeblicher Gotteslästerung mit Todesstrafe bedroht
      ai kämpft für Freilassung des 23-jährigen afghanischen
      Journalistik-Studenten Sayed Parvez Kambakhsh (22.10.08)

      Barack Obama und das Nadelöhr
      ... anderes zu erwarten als von Bush? (6.10.08)

      Sozialabbau und Afghanistan (4.08.08)

      Deutschland wird tiefer
      in Afghanistan-Krieg hineingezogen (6.02.08)

      Heroin für die Welt
      Afghanistan bricht unter US-Protektorat alle Rekorde (30.11.07)

      Ehemaliger US-General John Abizaid
      bezeichnet Irak-Krieg als Krieg ums Öl (16.10.07)

      Pseudo-Grüne Renate Künast verunglimpft
      afghanische Frauenrechtlerin Malalai Joya (12.10.07)

      Frauen werden als Währung gehandelt
      Ungebrochene Warlord-Kultur in Afghanistan (6.10.07)

      Afghanistan: Raubzug ohne Rücksicht
      Mohnernte liefert neuen Drogenrekord (27.06.07)

      Deutsche Soldaten in Afghanistan zeigen ihr wahres Gesicht
      Der Skandal ist die militärische Normalität (25.10.06)

      Brief aus Falludscha an Kofi Annan (3.11.04)

      Medica Mondiale bestätigt: Der Afghanistan-Krieg
      brachte keine Verbesserung für die Lage der Frauen (24.08.04)

      Drei Kriegsgründe - drei Lügen
      US-Kommissionsbericht bestätigt indirekt einen Kriegsgrund
      (18.06.04)

      Rechtfertigung für Afghanistan-Krieg
      läßt auf sich warten (27.05.04)

      B-T-C Baku-Tbilissi-Ceyhan
      Gezerre um das eurasische Pipeline-Netz (7.08.03)

      Afghanistan - Eine Bilanz der "Befreiung" (23.05.03)

      Krieg ist Frieden (28.11.01) 


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