[FFL] Massenvernichtungswaffe Hunger

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Do Nov 19 21:24:50 CET 2009


19.11.2009

Bilanz des UN-Hunger-Gipfels in Rom:
In Zukunft noch mehr Tote
für noch mehr Profit

Der dreitägige UN-Hunger-Gipfels in Rom zum weltweiten 
Nahrungsnotstand ging mit einer negativen Bilanz zu Ende - wie es 
kaum anders zu erwarten war. Auch der Chef der UN-Organisation für 
Ernährung und Landwirtschaft FAO, Jacques Diouf, konnte das 
ergebnislose Treffen kaum mehr beschönigen, als er am gestrigen 
Mittwoch erklärte: "Nur wenn den Worten Taten folgen", könne die 
Hungerkrise doch noch erfolgreich bewältigt werden. An einer 
Bewältigung zeigen jedoch die Urheber der Krise, die Eliten der 
Industrienationen, seit Jahrzehnten keinerlei Interesse. Statt dem 
von der UN im Jahr 2000 proklamierten "Milleniums-Ziel", die Zahl der 
weltweit Hungernden bis 2015 zu halbieren, ist das Gegenteil zu 
besichtigen: 842 Millionen waren es im Jahr 2004 - heute sind es mehr 
als eine Milliarde.

Ungehört verhallt sind die Worte des früheren UN-
Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung Jean Ziegler, der 
die Industrienationen zu recht anklagte, daß jedes verhungernde Kind 
ein Kind sei, das ermordet wird. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon 
bilanzierte bereits zu Beginn des Gipfel-Treffens nüchtern: "Allein 
am heutigen Tag werden mehr als 17.000 Kinder an Hunger sterben, ein 
Kind alle fünf Sekunden, sechs Millionen pro Jahr."

Selbst die Publicity-Wirkung, die sich noch vor wenigen Jahren Staat-
Chefs von ungedeckten Versprechungen auf solchen Gipfel-Treffen 
versprechen konnten, ist - ähnlich wie bei den ebenso folgenlosen 
Klima-Gipfeln - für diese offenbar inzwischen uninteressant geworden. 
Vor allem die Regierungen vieler reicher Länder hatten lediglich ihre 
Fachminister nach Rom geschickt. Hilfsorganisationen, Medien und 
Beobachter hatten den UN-Hungergipfel zuvor bereits als Flop 
kritisiert. "Für den Gipfel gibt es leider nur die Gesamtnote 
mangelhaft", stellt die Hilfsorganisation Oxfam fest.

Dabei wäre der Hunger - den politischen Willen vorausgesetzt - mit 
weit weniger Geld aus der Welt zu schaffen als Jahr für Jahr für 
Rüstung ausgegeben wird. In den vergangenen Jahrzehnten sind auf der 
Erde unglaubliche Reichtümer entstanden, der Welthandel hat sich in 
den vergangenen zwölf Jahren mehr als verdreifacht, das Welt-
Bruttosozialprodukt fast verdoppelt. Zum ersten Mal in der Geschichte 
der Menschheit ist der objektive Mangel besiegt und die Utopie des 
gemeinsamen Glückes wäre materiell möglich. Die Weltlandwirtschaft 
könnte schon heute - ohne Gentechnik - problemlos zwölf Milliarden 
Menschen ernähren.

Zugleich wird immer deutlicher, daß es keineswegs unbeabsichtigt ist, 
wenn laut Welternährungsbericht auf der Erde jeden Tag mehr als 
100.000 Menschen an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen sterben. 
Jean Ziegler nennt den Hunger daher konsequent eine 
"Massenvernichtungswaffen". Nach seiner Analyse werden die 
Welthandelsorganisation WTO und der Internationaler Währungsfond IWF 
gezielt eingesetzt, um beispielsweise mit Hilfe von Verschuldung die 
rohstoffreichen Länder in Armut und Abhängigkeit halten zu können. 
Auch die sogenannten Freihandelsabkommen dienen diesem Ziel. Das 
strukturell erzeugte Elend wurde zudem in den vergangenen Jahren 
durch die Spekulation mit Nahrungsmitteln und den Boom sogenannter 
Bio-Kraftstoffe weiter gesteigert. Systematisch wird die 
landwirtschaftliche Grundlage zur Eigenversorgung in den abhängigen 
Ländern weiter zerstört. Und die Folgen des von den Industrienationen 
verursachten Klimawandels treffen weit überwiegend die Menschen in 
diesen Ländern.

Joseph Ratzinger alias Papst Benedikt XVI nahm wie vor 13 Jahren sein 
Vorgänger Karol Woityla alias Johannes Paul II am UN-Hunger-Gipfel 
teil, hatte aber wie dieser nicht mehr zu sagen als eine wohlfeile 
Ermahnung. Diese läuft darauf hinaus, Wölfen zu predigen, weniger 
gierig zu sein und nicht so viele Schafe zu fressen. Und wie zum Hohn 
für die weltweit Hungernden erklärte die deutsche Agrarministerin 
Ilse Aigner zum Ende des Gipfels: "Damit geben wir den Startschuß für 
eine neue Struktur der Zusammenarbeit in der Welternährung."

 

REGENBOGEN NACHRICHTEN

 

Anmerkungen

Siehe auch unsere Artikel zum Thema:

      Berlusconi: Besser in Afrika verhungern
      als in Italien interniert (20.05.09)

      Flüchtlingselend und Artenschwund in Nordafrika
      Führt Tierschutz zu mehr Menschenschutz? (22.01.08)

      Volle Tanks - leere Teller
      Agro-Treibstoffe verursachen Hunger,
      Vertreibung und Umweltzerstörung (29.11.07)

      "Konzerne eignen sich die Welt an"
      Interview mit dem UN-Beauftragten Jean Ziegler (5.01.06)

      Eine mörderische Weltordnung
      Ceuta und Melilla (21.10.05)

      Hunger - tagtäglicher Mord
      der Reichen an den Armen (16.10.04)

      Hunger - noch immer ein Thema (31.03.04)

      Hunger und Weltraumfahrt
      Die Tageszeitung 'L'Alsace' zum Welternährungstag (20.10.03)

      Dürre in der Sahel-Zone als Folge des Klimawandels?
      (13.10.03)

      Hunger (30.07.03)

      Die alljährliche Hungerkatastrophe
      in Äthiopien (8.06.03) 


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