[FFL] Atombombe und Wahnsinn

klausjschramm at t-online.de klausjschramm at t-online.de
Do Aug 6 00:02:31 CEST 2009


6.08.2009

Atombombe und Wahnsinn

"..., weil sie das Leben nicht lieben" (Erich Fromm)

Atombombe Am 16. Juli 1945 wurde die erste Atombombe, die 
Wissenschaftler im Auftrag der US-Regierung gebaut hatten, 
oberirdisch bei Alamogordo gezündet. Am 6. August 1945 warf ein US-
Bombenflugzeug eine Atombombe, auf den Namen "Little Boy" getauft, 
über der Küstenstadt Hiroshima ab, wo sie um 8.15 Uhr Ortszeit in 
etwa 600 m Höhe über dem Boden detonierte. Rund 90.000 Menschen 
starben sofort, weitere 50.000 Menschen starben innerhalb von Tagen 
bis Wochen an der Strahlenkrankheit. Am 9. August 1945 wurde eine 
weitere Atombombe, "Fat Man" genannt, auf Nagasaki, abgeworfen. Bei 
diesem Angriff kamen 36.000 Menschen sofort ums Leben, weitere 40.000 
Menschen wurden so stark verstrahlt, daß sie innerhalb von Tagen bis 
Wochen starben. In den Jahrzehnten darauf starben weitere Tausende 
oder bekamen Krebs infolge der Atombomben-Abwürfe.

Das Atombomben-Projekt der UdSSR führte am 29. August 1949 zur 
erfolgreichen Zündung der ersten sowjetischen Atombombe. 
Großbritannien erreichte das selbe Ziel am 2. Oktober 1952. Die VR 
China zündete am 16. Oktober 1964 eine erste Atombombe.

Der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm schrieb 1964, 
was leider bis heute gültig ist:

"Ich werde mich hier nicht mit allen Aspekten befassen, die einen 
modernen Krieg motivieren und die großenteils auch schon bei früheren 
Kriegen genauso vorhanden waren wie beim Atomkrieg. Es geht mir um 
ein sehr wesentliches Problem, das speziell den Atomkrieg betrifft. 
Welche Begründung man auch immer für frühere Kriege vorgebracht haben 
mag - Verteidigung gegen einen Angriff, wirtschaftliche Vorteile, 
Befreiung, Ruhm, Erhaltung eines bestimmten Lebensstils - alle diese 
Begründungen sind für einen Atomkrieg nicht mehr stichhaltig. Man 
kann nicht mehr von Verteidigung, von Vorteilen, von Befreiung oder 
Ruhm sprechen, wenn "bestenfalls" die Hälfte der Bevölkerung 
innerhalb von Stunden in Asche verwandelt wird, wenn alle 
Kulturzentren zerstört sind und das Leben für die Überlebenden auf so 
barbarische Weise brutalisiert wird, daß sie die Toten beneiden 
werden. Wie kommt es, daß trotz alledem die Vorbereitungen für den 
Atomkrieg weitergehen, ohne daß stärker, als dies bisher geschieht, 
dagegen protestiert wird? Wie ist es möglich, daß nicht mehr Leute 
mit Kindern und Enkeln aufstehen und laut Protest erheben? Wie kommt 
es, daß Menschen, die doch vieles haben, wofür es sich zu leben 
lohnt, oder die doch wenigstens diesen Anschein erwecken, nüchtern 
die Vernichtung alles dessen erwägen? Es gibt viele Antworten auf 
diese Fragen, doch gibt es keine befriedigende Erklärung - außer der 
einen: daß die Menschen deshalb die totale Vernichtung nicht 
fürchten, weil sie das Leben nicht lieben; oder weil sie dem Leben 
gleichgültig gegenüber stehen oder sogar weil sich viele vom Toten 
angezogen fühlen.
Diese Hypothese scheint allen unseren Annahmen zu widersprechen, daß 
die Menschen das Lebendige lieben und sich vor dem Toten fürchten und 
daß außerdem unsere Kultur mehr als jede zuvor ihnen Zerstreuung und 
Vergnügungen bietet. Aber vielleicht sollte man sich fragen, ob 
unsere Zerstreuungen und Vergnügungen vielleicht etwas ganz anderes 
sind als Freude und Liebe zum Leben.
(...)
Es ist nicht einmal allzu abwegig zu vermuten, daß der Stolz und die 
Begeisterung des homo mechanicus über Geräte, die Millionen von 
Menschen auf eine Entfernung von mehreren tausend Meilen innerhalb 
von Minuten töten können, größer ist als seine Angst und seine 
Niedergeschlagenheit über die Möglichkeit einer solchen 
Massenvernichtung. Der homo mechanicus genießt noch den Sex und den 
Drink, aber er sucht diese Freuden in einem mechanischen und 
unlebendigen Rahmen. Er meint, es müsse da einen Knopf geben, den man 
nur zu drücken brauche, um Glück, Liebe und Vergnügen zu erhalten. 
(Viele gehen zum Psychotherapeuten mit der Illusion, er köne ihnen 
sagen, wo so ein Knopf zu finden ist.)
(...)
Man überlege sich einmal, welche Rolle das Töten in unseren 
Unterhaltungsprogrammen spielt. Die Filme, die Comic Strips, die 
Zeitungen sind höchst aufregend, weil sie eine Menge von Berichten 
über Destruktion, Sadismus und Brutalität enthalten. Millionen 
Menschen führen ein eintöniges, aber behagliches Leben, und nichts 
bringt sie mehr in Erregung, außer sie sehen, wie einer umkommt, oder 
lesen darüber, und es ist gleichgültig, ob es sich nun um einen Mord 
oder einen tödlichen Unfall bei einem Autorennen handelt. Ist das 
kein Hinweis darauf, wie tief diese Faszination am Toten bereits in 
uns Wurzeln geschlagen hat?
(...)
Kurz gesagt: Intellektualisierung, Quantifizierung, Abstrahierung, 
Bürokratisierung und Versachlichung - die Kennzeichen der heutigen 
Industriegesellschaft also - sind keine Lebensprinzipien, sondern 
mechanische Prinzipien, wenn man sie auf den Menschen statt auf Dinge 
anwendet. Menschen, die in einem solchen System leben, werden 
gleichgültig gegenüber dem Leben und fühlen sich vom Toten angezogen. 
Freilich merken sie es selber nicht. Sie verwechseln den erregenden 
Kitzel mit Lebensfreude und leben in der Illusion, ein sehr 
lebendiges Leben zu führen, wenn sie viele Dinge besitzen und 
benutzen können. Die spärlichen Proteste gegen den Atomkrieg, die 
Diskussion unserer Fachleute für Atomkrieg über das Gleichgewicht 
totaler oder halb-totaler Zerstörung zeigt, wie weit wir uns im 
"finsteren Tal des Todes" befinden.
Wir finden diese Merkmale einer nekrophilen Orientierung in 
sämtlichen modernen Industriegesellschaften ohne Rücksicht auf ihre 
jeweilige politische Struktur. Die Gemeinsamkeiten des russischen 
Staatskapitalismus mit dem korporativen Kapitalismus sind größer als 
die Unterschiede. Beiden gemeinsam sind ihre bürokratisch-
mechanischen Methoden und ihre Vorbereitung der totalen Destruktion."
Erich Fromm in: 'Die Seele des Menschen'.

 

REGENBOGEN NACHRICHTEN

 

Anmerkungen

Siehe unsere Artikel zum Thema:

      Hiroshima, Nagasaki und die Atomkraft - strahlende Folgen
      Vortrag von Prof. Dr. Inge Schmitz-Feuerhake in Freiburg 
(8.07.09)

      Atombombentest in Nordkorea
      Weiterdrehen an der Spirale des Irrsinns (25.05.09)

      US-Regierung bricht Schweigen über Israels Atombombe
      Neue Perspektive bei Verhandlungen mit dem Iran? (11.05.09)

      Euratom
      Sicheres und friedliches Europa oder Atom-Supermacht? 
(22.04.09)

      Frankreichs Verbrechen auf Moruroa
      188 Atom-Bomben und die Folgen (29.09.08)

      Schweizer Atomwaffen-Skandal
      Zehn Millionen Dollar von der CIA (26.08.08)

      Putin reiht sich in die Polonaise
      der Atom-Irren ein / Bau neuer Atomraketen angekündigt 
(19.10.07)

      Zwei Irre und die A-Bombe
      Sarkozy offeriert Gaddafi AKW als Eintritt in den Club 
(27.07.07)

      Brasiliens Präsident Lula auf dem Atom-Trip
      Ein weiterer Irrer giert nach der A-Bombe (11.07.07)

      50 Jahre GKSS
      und Deutschlands Streben nach der Atombombe (17.05.06)

      Ein weiterer Irrer outet sich
      Chirac droht dem Iran mit der Atombombe (20.01.06)

      Israels Spiel mit der Atombombe (23.03.04)

      Gedanken zu Hiroshima
      von Robert Jungk, 1985 (6.08.03)

      Sind Kernwaffen notwendig?
      Rede von Lee Butler, 1999 (14.01.02)

Siehe auch unseren Hintergrund-Artikel:

      Der siamesische Zwilling: Atombombe
      Info-Serie Atomenergie - Folge 4 


Mehr Informationen über die Mailingliste FFL