[fessenheim-fr] Reaktor II des AKW Fessenheim wieder am Netz

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Mi Mär 7 21:58:06 CET 2012


7.03.2012

Reaktor II des AKW Fessenheim
wieder am Netz

Im französischen Atomkraftwerk Fessenheim ist Reaktor II nach mehr 
als neun Monaten wieder hochgefahren worden. Nach einer 
"Zehnjahresinspektion" hatte das AKW, dessen beide Reaktorblöcke seit 
1977 in Betrieb sind, bereits im Juli 2011 einen "Persilschein" für 
den Weiterbetrieb erhalten. Reaktor I ist bereits seit November 
wieder am Netz.

Nach Aussagen des Betreiber-Konzerns EdF haben "Reparatur- und 
Verbesserungsarbeiten" mehr als 200 Millionen Euro gekostet. 
Atomkraft-GegnerInnen bezeichnen das Uralt-AKW dennoch weiterhin als 
"extrem gefährlich", da seine Betonhülle mit einer Stärke von 80 
Zentimetern nach wie vor beispielsweise nicht einmal dem gezielten 
Absturz eines Cessna-Kleinflugzeugs nicht standhalten kann, 
geschweige denn dem eines gekaperten Linienflugzeugs nach Vorbild des 
11. September 2001.

Das Wiederhochfahren von Block II fand heute exakt zum 35. Jahrestag 
des Betriebsbeginns des ältesten französischen Atomkraftwerks am 7. 
März 1977 statt. Nach Betreiber-Angaben war "die größte Aufgabe" der 
Austausch von drei Dampferzeugern. Die Reaktordruckbehälter jedoch, 
die wegen der Neutronenstrahlung zunehmend verspröden, können in 
einem Atomkraftwerk jedoch nicht ausgetauscht werden. Die Atom-
Reaktoren, die lediglich für eine Betriebsdauer von 25 Jahren 
ausgelegt sind, hätten wegen der Versprödung der Reaktordruckbehälter 
spätestens im Jahr 2002 stillgelegt werden müssen.

Bereits im Herbst 1979 wurden durch die Aussagen eines vormaliger 
Sicherheits-Ingenieurs Risse an den Stutzen des Reaktordruckbehälters 
von Block I bekannt. In den Jahren 1991 und 1996 kam zu Tage, daß 
sich in den Deckeln der Reaktordruckbehälter Risse gebildet hatten. 
Die jeweils 54 Tonnen schweren Deckel wurden ausgetauscht.

Wegen kosmetischer Auflagen der französischen Atom-Aufsicht ASN im 
Juli 2011 soll die Beton-Bodenplatte des AKW Fessenheim verstärkt 
werden. Die Betonplatte ist nur eineinhalb Meter dick und somit die 
dünnste aller französischen Atomkraftwerke. Bei einem schweren Unfall 
mit Kernschmelze bieten eineinhalb Meter Beton für die lava-ähnliche 
Masse keine nennenswerte Barriere und eine radioaktive Verseuchung 
des Rheins wäre kaum mehr zu verhindern.

Der französische "Pannenmeiler" ist nur 24 Kilometer vom Stadtzentrum 
Freiburgs und rund 35 Kilometer von Basel entfernt. Die Schweizer 
Stadt Basel wurde im Jahr 1356 bei einem Erdbeben, das auf eine 
Stärke von 8 auf der Richterskala geschätzt wird, weitgehend 
zerstört. Die gesamte Rheinebene, in der sich das AKW Fessenheim 
befindet, ist ein Erdbebengebiet.

Rund einen Monat bevor das AKW Fessenheim durch die ASN den 
"Persilschein" für den Weiterbetrieb erhielt, war bekannt geworden, 
daß das am Rheinseitenkanal gelegene Atomkraftwerk nicht ausreichend 
gegen die Folgen eines Dammbruchs gesichert ist (siehe unseren 
Artikel vom 14.06.11). Der Betreiber EdF hatte bis dahin immer 
behauptet, das AKW sei gegen Überflutungen in Folge eines Dammbruches 
geschützt. Doch laut einer TV-Dokumentation auf 'France 2' hielt der 
Konzern einen internen Bericht zurück, in dem katastrophale 
Untersuchungsergebnisse über den Zustand des Rheinseitenkanals zu 
lesen sind.

Das Atomkraftwerk mit seinen beiden Druckwasser-Reaktoren à 880 
Megawatt wurde direkt am Rheinseitenkanal erbaut, um so letztlich dem 
Rhein die gigantische Abwärme in Höhe von rund zwei Drittel der 
Gesamtenergieerzeugung aufzubürden. Bei einem Erdbeben können laut 
des im Auftrag der regionalen Überwachungskommission und des 
Regionalrates in Colmar erstellten und im Juni 2011 veröffentlichten 
Gutachtens die Betonplatten des Rheinseitenkanals brechen. In der 
Folge kann das AKW-Gelände innerhalb von acht bis neun Stunden einen 
Meter hoch überflutet werden. Ein Super-GAU wäre dann kaum zu 
verhindern.

Am 27. Dezember 2009 war es zu einer Notabschaltung des AKW 
Fessenheim gekommen, die zunächst - wie üblich - heruntergespielt 
wurde. Erst im Februar 2010 kam zutage, daß die Verstopfung des 
Kühlsystems von Reaktorblock II, die zur Notabschaltung geführt 
hatte, ein hohes Risiko-Potential birgt (siehe unseren Artikel vom 
23.02.10). Angeschwemmtes Pflanzenmaterial aus dem Rheinseitenkanal 
war in die Ansaugrohre des Reaktorkühlsystems geraten. In der Folge 
versagte ein Meßfühler an einem Trommelsieb, welches das Wasser 
filtern sollte. Danach versagte die automatische Abschaltung und das 
Trommelsieb wurde aus der Verankerung gerissen.

Bereits der Nacht vom 1. auf 2. Dezember 2009 war es in einem der 
vier Blöcke des AKW Cruas wegen angeschwemmten Treibguts aus der 
Rhône zu einer Notabschaltung und in der Folge zur Auslösung eines 
"Notfallplans" gekommen (siehe unseren Artikel vom 2.12.09). Der 
Vorfall mußte selbst von der französischen Atom-Aufsicht ASN als der 
Schwerste der vier vorangegangenen Jahre eingestuft werden. Dennoch 
wurden die in zeitlich so kurzem Abstand eingetretenen "Pannen" in 
den beiden französischen Atomkraftwerken zunächst nicht im 
Zusammenhang betrachtet. Erst ein Gutachten der Eidgenössischen 
Technischen Hochschule Zürich (ETH) zu dem mit vergleichbaren Mängeln 
behafteten AKW Mühleberg ergab, daß erhebliche Gefahren von einem 
Verstopfen des AKW-Kühlsystems durch Treibgut ausgehen.

In jedem Atomkraftwerk wird jährlich pro Megawatt elektrischer 
Leistung die Radioaktivität einer Hiroshima-Bombe erzeugt. 
Umgerechnet auf die beiden Reaktorblöcke des AKW Fessenheim bedeutet 
dies, daß dort in jedem Betriebsjahr die kurz- und langlebige 
Radioaktivität von 1.760 Hiroshima-Bomben entsteht. Die Freisetzung 
auch nur eines geringen Teils dieser Radioaktivität hätte verheerende 
Folgen für alles Leben in der gesamten Region. Als Folge einer 
Reaktorkatastrophe kann bei der meist vorherrschenden Windrichtung 
ein Territorium bis in den Raum Nürnberg-Würzburg für Jahrzehnte 
unbewohnbar werden.

Katastrophen-Gebiet bei Super-GAU im AKW Fessenheim

Seit vielen Jahren setzen sich Umwelt- und Anti-Atom-Bewegung im 
Dreyeckland, der Region im Dreiländereck Frankreichs, Deutschlands 
und der Schweiz, für die Stilllegung des AKW Fessenheim ein. Die Anti-
Atom-Gruppe Freiburg mobilisiert für den Fukushima-Jahrestag, 
Sonntag, 11. März, zusammen mit ihren elsässischen Schwester-
Organisationen zur Teilnahme an der Internationalen Menschenkette im 
Rhônetal. (www.antiatomfreiburg.de).


REGENBOGEN NACHRICHTEN


Anmerkungen

Siehe auch unsere Artikel:

      25.000 bei Anti-Atom-Protesten in Frankreich
      Peinlicher Auftritt einer Präsidentschaftskandidatin (16.10.11)

      Nuklear-Nomade im AKW Fessenheim verstrahlt
      Krebs bei 1.600 Euro im Monat? (23.09.11)

      Brücken-Aktion am Rhein
      Forderung nach sofortiger Stilllegung
      des AKW Fessenheim (18.09.11)

      Explosion in Nuklear-Anlage Marcoule
      Ein Toter (12.09.11)

      Witz der Woche
      Der gleiche strenge Stress-Test... (10.08.11)

      AKW Fessenheim
      bekommt Persilschein (6.07.11)

      AKW Mühleberg abgeschaltet
      Schwere Vorwürfe gegen Schweizer Atom-Aufsicht ENSI (4.07.11)

      Menschenkette am AKW Fessenheim
      Für sofortige Stilllegung (27.06.11)

      Anne Lauvergeon, eine der härtesten
      Atomkraft-Kämpferinnen tritt ab (18.06.11)

      Studie: AKW Fessenheim nicht ausreichend
      gegen Dammbruch gesichert (14.06.11)

      "Panne" im AKW Fessenheim
      fünf Tage verspätet bekanntgegeben
      Radioaktivität ausgetreten (7.04.11)

      Sarkozy und die Atombombe
      für Gaddafi (23.02.11)

      Reihe schwerer Sicherheitsmängel
      in französischen AKW (22.02.11)

      Erhöhtes Risiko im AKW Fessenheim
      20 Prozent Meßungenauigkeit bei Druck-Sensor (4.02.11)

      Schrott-AKW Tricastin
      ASN verlängert Laufzeit um 10 Jahre (6.12.10)

      AKW Flamanville
      Dach eingestürzt (5.12.10)

      AKW Fessenheim: Kurzschluß
      Automatische Abschaltung von Block I (20.10.10)

      Radioaktives Cäsium im Kanal
      beim AKW Fessenheim (14.10.10)

      Radioaktive Wolke aus AKW Fessenheim
      erst nach über einem Monat publik (26.09.10)

      Rheinerwärmung durch AKW Fessenheim
      Gastbeitrag von Axel Mayer (16.07.10)

      Brand im AKW Fessenheim
      Keine Nachricht in deutschen Mainstream-Medien (15.07.10)

      Frankreich: Laufzeitverlängerung auf 40 Jahre
      kostet 600 Millionen Euro pro Reaktor
      AKW Fessenheim bis 2017? (27.06.10)

      "Störung" im AKW Fessenheim
      im Dezember gravierender als bislang bekannt (23.02.10)

      Verbrecherische Menschenversuche
      bei französischen Atombomben-Tests (17.02.10)

      "Störung" im AKW Fessenheim
      Reaktor konnte nicht hochgefahren werden (27.12.09)

      Atomenergie verursacht Stromlücke
      in Frankreich (18.12.09)

      Notabschaltung im französischen AKW Cruas
      Hauptkühlsystem verstopft (2.12.09)

      Streit um die neue Atomkraftwerks-Linie EPR in Frankreich
      Sicherheitsbehörden kritisieren elektronisches Steuerungs-
System
      (3.11.09)

      AKW Fessenheim undicht
      13.000 Liter Diesel-Öl versickerten im Boden (29.10.09)

      Unverantwortlicher Umgang mit dem hochgiftigen
      Bombenstoff Plutonium (15.10.09)

      EU: Siemens an Kartell beteiligt
      Straffreiheit wegen Kooperation (7.10.09)

      Demo gegen Atomkraft mit 10.000 TeilnehmerInnen in Colmar
      Massive Behinderungen durch Polizei (4.10.09)

      Ende des finnischen AKW-Neubaus Olkiluoto?
      Areva droht mit Baustop (1.09.09)

      Der Rhein wird aufgeheizt
      AKW Fessenheim mit maßgeblichem Beitrag (30.06.09)

      Terrorziel Atomkraftwerk
      TV-Magazin 'Frontal21' veröffentlicht Geheimbericht (17.06.09)

      Erdbeben der Stärke 4,5 bei Steinen
      AKW Fessenheim nach wie vor unsicher (5.05.09)

      Euratom,
      Milliarden-Subventionen und die Bombe (22.04.09)

      IAEA: AKW Fessenheim
      entspricht nicht internationalen Standards (8.04.09)

      Greenpeace in Frankreich bespitzelt
      Kam der Auftrag von EdF? (1.04.09)

      AKW Fessenheim undicht
      Reaktor seit Samstag abgeschaltet (6.03.09)

      Siemens steigt bei Areva aus
      Ist das Atomkraftwerk-Modell EPR am Ende? (27.01.09)

      Renaissance der Atomenergie?
      Wo in aller Welt? (7.01.09)

      AKW Fessenheim für weitere Jahrzehnte?
      Versprecher oder Insider-Wissen? (4.12.08)

      Frankreichs Verbrechen auf Moruroa
      188 Atom-Bomben und die Folgen (29.09.08)

      EdF schluckt British Energy
      Wirtschaftliche Konzentration nimmt zu (24.09.08)

      Prestigeobjekt als Rohrkrepierer
      Fortlaufende Pannen beim Bau
      des neuen EPR-Atomkraftwerks in Flamanville (27.08.08)

      Erneut Atom-Unfall in Frankreich
      100 Menschen radioaktiv kontaminiert (24.07.08)

      Erneut Atom-Unfall in Frankreich
      15 Menschen radioaktiv kontaminiert (22.07.08)

      Französische Atom-Industrie bleibt im Gespräch
      Erneute Leckage (18.07.08)

      Nach Unfall beim AKW Tricastin
      Überprüfung des Grundwassers bei französischen AKW (17.07.08)

      AKW Tricastin:
      Flüsse in Südfrankreich radioaktiv kontaminiert (8.07.08)

      1,5 Milliarden Zusatzkosten beim EPR-Atomkraftwerk
      Siemens blamiert sich mit "Vorzeige-Kraftwerk" Olkiluoto 
(30.03.08)

      Neues EPR-Atomkraftwerk
      kann durch Flugzeug-Attacke zerstört werden (26.03.08)

      AKW Fessenheim: Block 2 abgeschaltet
      Leck im Primärkreislauf (20.02.08)

      Erneut Leiharbeiter im AKW Fessenheim verstrahlt (27.11.07)

      AKW Fessenheim: Arbeiter vor vier Tagen "leicht verstrahlt"
      Informationen dürftig und zeitverzögert (27.10.07)

      Laufzeit AKW Fessenheim bis 2017?
      100-Millionen-Euro-Investition (3.10.07)

      Störfall im AKW Fessenheim verschwiegen
      Laut 'TV Südbaden' bereits Anfang August (31.08.07)

      Zwei Irre und die A-Bombe
      Sarkozy offeriert Gaddafi AKW als Eintritt in den Club 
(27.07.07)

      AKW Fessenheim mit schlechten Noten
      49 "Störfälle" im Jahr 2006
      Französische Atomaufsicht unzufrieden (5.07.07)

      AKW Fessenheim: 30 Jahre tödliche Gefahr (7.03.07)

      Der Anschlag auf Greenpeace
      Französischer Geheimdienst tötete 1985 einen Menschen
      beim Versenken der 'Rainbow Warrior'

      Der siamesische Zwilling: Atombombe
      Folge 4 der Info-Serie Atomenergie

      Atomenergie in Frankreich
      Folge 11 der Info-Serie Atomenergie 





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