From 078222664-0001 at t-online.de Fri Apr 14 21:28:56 2006 From: 078222664-0001 at t-online.de (Klaus Schramm) Date: Fri, 14 Apr 2006 21:28:56 +0200 Subject: [Gen-Info] Machtpolitische und oekonomische Hintergruende Message-ID: <1FUTyS-0KuGY60@fwd33.sul.t-online.de> Hallo Leute! Hier noch ein Artikel - aus derselben Ausgabe der 'Le Monde diplomatique' - , der mehr auf die machtpolitischen und ökonomischen Hintergründe eingeht. Ciao Klaus Schramm klaus.schramm at bund.net Unerwünschte Hauptwirkungen Die Verbraucher mögen keine Anti-Matsch-Tomaten und keine Erdbeeren mit Fischgen, das Agrobusiness setzt dennoch auf gentechnisch veränderte Pflanzen von Jacques Testart und Arnaud Apoteker* Der Begriff "gentechnisch veränderte Organismen" (GVO) bezeichnet Pflanzen, Tiere oder Einzeller, deren Genom um mindestens ein artfremdes Gen angereichert worden ist. Der Zweck solcher Eingriffe besteht darin, der modifizierten Art Eigenschaften zu verleihen, die sie weder mit Hilfe konventioneller Techniken noch durch evolutionäre Mutation hätte erlangen können. Wie sollte ein Fischgen auf natürlichem Wege ins Genom einer Erdbeere gelangen? Wir unterscheiden drei Gruppen von GVO, deren jeweilige Risiken und Vorteile nicht miteinander vergleichbar sind. Zunächst die einzelligen GVO, die im Fermenter kultiviert werden und meist Substanzen wie Impfstoffe oder Hormone für den medizinischen Gebrauch produzieren. Niemand stellt sie in Frage, da das System funktioniert (nachweislicher Nutzen) und unter Kontrolle ist (hinnehmbares Risiko). Unter den kommerziellen GVO sind diese am ehesten "salonfähig", weshalb die Propaganda für transgene Pflanzen sie auch gern als Aushängeschild benutzt. Die zweite Gruppe sind die als lebendige Forschungsinstrumente eingesetzten genveränderten Pflanzen oder Tiere. Diese zu wissenschaftlichen Zwecken hergestellten GVO werden in streng reglementierten Spezialeinrichtungen gehalten. Auch sie sind, außer bei Tierversuchsgegnern, relativ breit akzeptiert. Die dritte Gruppe schließlich sorgt seit langem für Kontroversen: jene gentechnisch veränderten Pflanzen (GVP), die für die Agrar- oder die Nahrungsmittelindustrie von Interesse sind, auf Freiland angebaut und in der Regel von Zuchttieren oder Menschen verzehrt werden. Die GVP werfen zahlreiche Probleme auf, die sich bei den anderen GVO nicht stellen: Gefahren für die Umwelt, für die Biodiversität, die Gesundheit und die Landwirtschaft. Ähnliche Probleme werden sich im Zusammenhang mit genveränderten Zuchttieren (Fischen oder Säugetieren) ergeben, sobald diese in die Natur entlassen werden. Bei dem seit zehn Jahren andauernden Streit geht es ausschließlich um diese dritte Gruppe, die genmodifizierten Pflanzen. Die Transgenese - angeblich der Beweis dafür, dass der Mensch per Genübertragung das Leben beherrschen kann - ist eine gewagte Manipulation und eine unsichere Technik.(1) Die Gentherapie ist immer noch nicht in der Lage, Kranke zu heilen, und transgene Tiere weisen häufig Behinderungen auf (Sterilität, Diabetes, Missbildungen), die in keinem erkennbaren Zusammenhang mit dem in ihr Erbgut eingeschleusten Gen stehen. Allen optimistischen Behauptungen zum Trotz offenbart sich hier die Unzulänglichkeit unseres Wissens. Die große Täuschung und die größten Risiken der angeblich beherrschten Techniken bestehen gerade in der Nichtbeherrschung der in die Wege geleiteten Vorgänge. Die Utopien der Genforscher erwiesen sich als Illusion Der demiurgische, von der Hoffnung auf gigantische Gewinne für die Biotechindustrie angestachelte Wille, durch die Vermischung von Genomen hybride Arten zu schaffen, beruht auf groben Vereinfachungen: Das Genom sei das "Buch des Lebens", es enthalte das gesamte "Lebensprogramm", jedes Gen entspreche automatisch einem Protein usw. All diese Simplifizierungen sind nicht nur von der Grundlagenforschung, sondern auch durch die Überraschungseffekte der Innovationen widerlegt worden: Mehrere Gene können zur Synthese eines Proteins beitragen; die Beschaffenheit eines Proteins hängt von Faktoren ab, die dem Genom äußerlich sind; jeder gentechnisch veränderte Organismus kann durch das Zusammenspiel zwischen dem Transgen und dem eigenen Genom unvorhergesehene Eigenschaften entwickeln. Obwohl all diese Phänomene festzustellen sind, können sie noch lange nicht erklärt und erst recht nicht kontrolliert werden.(2) So zeigt das in einer GVP vorhandene Transgen oft andere Eigenschaften als das Gen, das man hatte einsetzen wollen. Daher die falsche Sicherheit der Anbaugenehmigungen. Im Übrigen haben neuere australische Untersuchungen(3) gezeigt, dass ein eingebautes Gen in der Wirtspflanze - hier der Erbse - allergene Stoffe(4) erzeugen kann, die es in der Ursprungspflanze - der Bohne - nicht erzeugt hatte. Diese giftig gewordene Erbse indes hätte den Ansprüchen der europäischen Zulassungsverfahren durchaus genügt. Ehe wir mit der Aussaat transgener Pflanzen beginnen und damit einen unwiderruflichen Schritt tun, brauchen wir also nichts Geringeres als wissenschaftliche Forschung. Und diese Forschung darf nicht auf Freiland erfolgen, es sei denn, wir wollen die Natur in ein gigantisches Laboratorium verwandeln! Im Jahr 1964 kündigte Professor Bienlein in einem legendären "Tim und Struppi"-Band an: "Mir scheint es nicht zu hoch gegriffen, wenn ich sage, in zehn Jahren werden wir im Sand nicht nur blaue Orangen wachsen lassen, ... sondern alle großen Feldfrüchte, die für das menschliche Leben unerlässlich sind, [] Getreide [] und Kartoffeln."(5) Vierzig Jahre später verbreiten die Bienleins, die unterdessen zur Tat geschritten sind, immer noch die gleichen Utopien. Dennoch existieren die von den Fürsprechern der Gentechnik am häufigsten genannten GVP in der Realität gar nicht. Die Anti-Matsch-Tomate, die 1994 als erste genveränderte Pflanze in den Handel kam, wurde schnell wieder aufgegeben: Die Verbraucher in den USA fanden ihren Geschmack eklig, und bei der Zulassung war es zu Unregelmäßigkeiten gekommen.(6) Der Provitamin A produzierende "Goldene Reis" erwies sich als Illusion: Man müsste mehrere Kilo davon essen, um den Tagesbedarf an diesem Vitamin zu decken. Bislang ist es bloß ein Versprechen, dass eines Tages Pflanzen auf sehr salzhaltigen Böden oder in Wüstengebieten gedeihen werden. Und die "Arzneimittelpflanzen", die der Pharmaindustrie dank Genveränderung bestimmte Stoffe liefern sollen, haben diese Moleküle - genau wie die genveränderten Tiere - nie in ausreichenden Mengen produziert, um vermarktet werden zu können. Wehrlos gegen neue Schädlinge Und was ist mit den GVP, die - hauptsächlich auf dem amerikanischen Kontinent - auf fast 100 Millionen Hektar Land angebaut werden? Zu 98 Prozent handelt es sich hierbei um Pflanzen, die entweder in die Lage versetzt wurden, selbst ein Insektizid zu produzieren, oder (als einzige in ihrer Umgebung) ein verabreichtes Herbizid vertragen. In beiden Fällen droht die anfängliche Nutzwirkung nach einigen Jahren zu schwinden, da die Schädlinge anpassungsfähig sind: Mutierende Insekten entwickeln Resistenzen gegen das Insektizid; durch den Prozess der Selbstselektion oder durch Genfluss nehmen herbizidresistente Unkrautpflanzen überhand. Es besteht die Gefahr, dass wir neuen Schädlingskonstellationen wehrlos gegenüberstehen. So gibt es bereits Wildpflanzen, die gegen alle üblichen Herbizide resistent sind. GVP, die Insektizide produzieren, tun dies permanent und in allen Bestandteilen der Pflanze. Sie setzen daher viel größere Mengen dieser Giftstoffe frei als konventionelle Verfahren und bergen die Gefahr verheerender Umweltschäden, vor allem für Insekten oder Vögel. Beim Anbau herbizidtoleranter GV-Kulturen wird das entsprechende Herbizid oft zur Einsparung von Arbeitskraft in einem einzigen Schub und in hoher Menge verabreicht, ohne Rücksicht auf das Ökosystem des Bodens und die darin lebenden Mikroorganismen, Würmer usw. Durch die starke Belastung der GVP mit selbst erzeugten Insektiziden bzw. ausgebrachten Herbiziden treten spezifische Risiken bei der Ernährung von Tieren oder Menschen auf.(7) Lebensmittel mit über 0,9 Prozent GVO-Anteil unterliegen in Europa einer Kennzeichnungspflicht. Die französische Regierung lehnt eine Kennzeichnung für tierische Produkte wie Fleisch, Eier oder Milch ab, wenn die Tiere GVP-Futter bekommen haben. Sie unterschlägt auch die Verpflichtung, die Öffentlichkeit über die Ergebnisse von Toxizitätstests bei GVP zu informieren. Hinzu kommt, dass sich von Transgenen hervorgerufene Eigenschaften wie Antibiotikaresistenz auf die Bakterienstämme übertragen können, die unseren Verdauungsapparat besiedeln. Keines der mit den GVP verbundenen Risiken ist ernsthaft untersucht worden. Man begnügt sich mit der Behauptung, die transgenen Pflanzen seien nur eine Weiterentwicklung der klassischen, auf Optimierung von Eigenschaften ausgerichteten Züchtungsmethoden, die ausreichend Beweise für ihre Unschädlichkeit erbracht hätten. So werden die herkömmlichen Methoden der Auslese oder Kreuzung in einen Topf geworfen mit der Erzeugung von Chimären, bei denen unterschiedliche Arten oder gar Tierisches und Pflanzliches vermischt werden. Entsprechend dem Paradigma der intensiven, produktivitätsorientierten und chemischen Landwirtschaft besteht der utopische Auftrag der GVP in der Ausrottung von Unkraut und Schädlingen. Das bedeutet einen Bruch mit der traditionellen Einstellung des Bauern, der seine Ernte durch einen "bewaffneten Pakt" mit der Natur und nicht durch Ausrottung bewahrt. Denn der Bauer weiß, dass die Lebensgemeinschaft, der er angehört, viel zu komplex und unser Wissen viel zu ungenau ist, um radikale Eingriffe zu erlauben, ohne eine Katastrophe zu riskieren. Wenn Landwirte sich dennoch auf den Anbau genveränderter Kulturen einlassen, so tun sie dies, weil sie mit der Einsparung von Arbeitskräften rechnen: Das wiederholte Sprühen mit Insektiziden entfällt, Herbizide werden hoch dosiert und möglichst auf einen Schlag ausgebracht - ein höchst zweifelhafter Vorteil in Ländern wie China, wo die Landbevölkerung unter dramatischer Arbeitslosigkeit leidet. Oder die Bauern werden von der Industrie mit Vergünstigungen für Einsteiger gelockt. So sollen die "Pioniere des Fortschritts" in Techniken eingebunden werden, die kaum noch reversibel sind. Man verspricht ihnen das Blaue vom Himmel - wir haben es in Argentinien und in Brasilien erlebt -, um den Anbau von Gensoja durchzusetzen. Insgesamt sind die GVP, wie wir sie derzeit kennen, ein ungeheurer technologischer Bluff. Es geht um einen gewinnträchtigen Markt: den des patentierten GV-Saatguts, das die Bauern jedes Jahr kaufen müssen, weil die Wiederaussaat verboten ist. Die Biotechmultis, die ihren ursprünglichen Geschäftsbereich, die Chemie, um den der pflanzlichen Ressourcen erweitert haben, versuchen, sich eine marktbeherrschende Stellung zu verschaffen und alle Aspekte der Welternährung ihren Interessen unterzuordnen: das Sortenangebot, Maßnahmen zur Pflanzenpflege, die Anbautechniken und die Vermarktung. Darüber hinaus sichern sie sich den Verkauf von Pestiziden, die für den Anbau ihrer genetischen Chimären notwendig sind. Neuerdings rückt das so genannte Molecular Farming in den Vordergrund. Hier geht es um den Anbau von GVP, die nicht als Nahrungsmittel dienen, sondern Arzneimittelpflanzen sind, Treibstoff produzieren oder für die industrielle Verwendung vorgesehen sind. Diese "sympathischen", aber noch ineffizienten GVP scheinen vor allem die Rolle eines trojanischen Pferds zu spielen, um eine Technologie schmackhaft zu machen, die den Konsumenten keinerlei Vorteile bietet. Die Produktion der fraglichen Medikamente kann durchaus mit Hilfe gentechnisch veränderter Zellen im abgeschlossenen Milieu erfolgen. Um die ablehnende Haltung der Öffentlichkeit ignorieren zu können, organisiert die französische Regierung gelegentlich pseudodemokratische Scheinabstimmungen - manche auch per E-Mail.(8 )Selbst wenn es in Zukunft gelingen sollte, mittels genveränderter Pflanzen die versprochenen Resultate zu erbringen, bleibt die Tatsache, dass wir im Begriff sind, die Erde in ein riesiges Versuchsfeld zu verwandeln. Das müssen wir in Kauf nehmen für die Innovationen, die uns die neoliberale, wettbewerbsorientierte und auf archaische Weise wissenschaftsgläubige Fortschrittsvision auferlegt. Dampfmaschinen mochten bei ihrer Erfindung noch so beunruhigend sein, sie brachten die Züge ins Rollen. Hier jedoch werden Milliarden Dollar in eine zweifelhafte Strategie investiert, weil sich die agrarindustriellen Interessen einer Utopie verschrieben haben: der Beherrschung der Welternährung, vom Samen über eine neue Form bäuerlicher Sklavenschaft bis hin zum Supermarkt. Die vielseitigen Aspekte der gentechnisch bedingten Risken - Aufnahme von Schadstoffen und Allergenen, Antibiotikaresistenzen, Übergreifen der Transgene auf andere Arten, Verringerung der Artenvielfalt, weltweite Vorherrschaft einiger Multis über die Landwirtschaft und die Ernährung, Industrialisierung der Landarbeit, um nur die wichtigsten zu nennen - legen einen Schluss nahe: Wir dürfen uns in Sachen GVP nicht mehr mit einem Berg von wissenschaftlichen Gutachten zufrieden geben. In solchen Situationen scheint es angebracht, eine kollektive Expertise einzuholen, nach dem Muster der "Bürgerkonferenz", gestützt auf Informationen von Fachleuten verschiedenster Herkunft, die unterschiedliche Sichtweisen vertreten.(9) Fußnoten: (1) Parlamentarischer Bericht Nr. 2254, "Les OGM, une technologie à maîtriser", April 2005, S. 15 f. (2) Vgl. Frédéric Prat (Hg.), "Société civile contre OGM. Arguments pur ouvrir un débat public", Barret-sur-Méouge (Editions Yves Michel) 2004. (3) Vgl. Hervé Kempf, "Nouveaux soupçons sur le OGM", in Le Monde, 8. Februar 2006. (4) Allergene sind Allergien auslösende Antigene. (5) Vgl. Hergé, "Tintin et les oranges bleues" (dt. "Tim und die blauen Orangen"), Paris (Casterman) 1964. (6) Vgl. Eric Meunier, "OGM aux Etats-Unis: quand l'administration ignore ses experts (le cas de la tomate Flavr/Savr)", in Inf'OGM 51, März 2004. (7) Vgl. Frédéric Pratt, siehe Fn. 2. (8) Vgl. Jacques Testart, "L'intelligence scientifique en partage", in Le Monde diplomatique, Februar 2005. (9) Ebd. Aus dem Französischen von Grete Osterwald * Jacques Testart und Arnaud Apoteker sind Biologen. Testart ist Präsident von Inf'OGM, Apoteker leitet die Anti-GVO-Kampagne von Greenpeace Frankreich. Le Monde diplomatique vom 13.4.2006, S. 18-19 From 078222664-0001 at t-online.de Fri Apr 14 21:28:44 2006 From: 078222664-0001 at t-online.de (Klaus Schramm) Date: Fri, 14 Apr 2006 21:28:44 +0200 Subject: [Gen-Info] Widerstand in Mali Message-ID: <1FUTyG-0KuGY40@fwd33.sul.t-online.de> Hallo Leute! Hier ein interessanter Artikel aus der 'Le Monde diplomatique' über der Widerstand gegen Gen-Landwirtschaft in Mali und einiges über andere afrikanische Staaten wie Sambia, Benin, Burkina Faso und Südafrika. Ciao Klaus Schramm klaus.schramm at bund.net Bauernjury in Sikasso In Mali wehren sich die Baumwollbauern gegen die Einführung transgener Sorten von Roger Gaillard* Der große, schlanke Mann im türkisfarbenen Gewand sprang auf, ergriff das Mikrofon, deutete mit dem Zeigefinger in die Luft, in Richtung der Ventilatoren, die die Mittagshitze umwühlten, und wandte sich in der Regionalsprache Bambara an die Versammelten: "Warum sollen wir armen Bauern die Genpflanzen akzeptieren, wenn die reichen Bauern des Nordens sie ablehnen?" Zustimmendes Gemurmel aus dem Publikum. Das Saalmikro wanderte weiter zu einer jungen Landwirtin, die mit ihrem Baby gekommen war: "Wozu soll das gut sein, wenn wir durch die Genpflanzen eine größere Ernte haben, wo wir doch schon für unsere jetzige Ernte keinen anständigen Preis bekommen?" Die Szene spielte in Sikasso, einem Ort im Süden Malis, das zu den ärmsten Ländern Afrikas gehört. In dieser Region werden zwei Drittel der wichtigsten Deviseneinnahmequelle Malis produziert: der Baumwolle. Fünf Tage lang, vom 25. bis 29. Januar 2006, gaben 43 Kleinbauern und -bäuerinnen eine beeindruckende Vorstellung in Sachen partizipativer Demokratie. Die aus der gesamten Region angereisten Baumwollbauern hatten vom Regionalparlament von Sikasso den Auftrag bekommen, eine Bauernjury zu bilden, um die Vor- und Nachteile einer eventuellen Einführung genetisch veränderter Organismen (GVO) für die Landwirtschaft zu bewerten. Die Jury, die in Anlehnung an andere, in Mali bereits wohl etablierte Diskussionsforen "Bürgerforum für demokratische Mitwirkung" (Ecid) getauft wurde, war für Afrika eine Premiere. Unterstützung erhielt sie von europäischen Partnern, die sich für partizipative Methoden bei der Bewertung neuer Technologien und entwicklungspolitischer Maßnahmen einsetzen.(1) Das Forum in Sikasso entstand aufgrund des starken Drucks, dem sich die Länder Afrikas seitens der Agrarmultis ausgesetzt sehen, allen voran des US-Konzerns Monsanto und der Schweizer Syngenta Agro AG, die eine Industrialisierung des Agrarsektors und die Öffnung der Märkte für transgene Varietäten fordern.(2) Bt-Baumwollpflanzen sind genetisch verändert und produzieren zum Beispiel ein Gift gegen bestimmte Schädlinge. Dies ermöglicht zumindest theoretisch eine Verringerung des Pestizideinsatzes sowie höhere Ernteerträge. Da Westafrika weltweit der drittgrößte Baumwollerzeuger ist, steht für die Agrarmultis einiges auf dem Spiel. Kein Wunder daher, dass die mit einem Jahresbudget von 100 Millionen Dollar ausgestattete US-Agentur für internationale Entwicklung (USAID) die Einführung von Biotechnologien in den südlichen Ländern tatkräftig unterstützt. Die Antwort des Schwarzen Kontinents auf den Druck von außen fällt recht unterschiedlich aus. Sambia lehnte Hilfslieferungen des Welternährungsprogramms, die bekanntlich mit genetisch verändertem US-Mais durchsetzt sind, trotz drohender Hungersnot ab. Benin hingegen nahm die zweifelhafte Hilfe an, obwohl das Land 2002 ein fünfjähriges GVO-Moratorium beschlossen hatte. In Südafrika, dem Brückenkopf der Agrarindustrie in Afrika, werden transgener Mais und transgene Baumwolle seit knapp zehn Jahren angebaut - die Ergebnisse sind umstritten. In Burkina Faso wiederum, das an Mali angrenzt, werden seit 2003 gegen vielfältigen Widerstand Freilandversuche mit transgener Baumwolle durchgeführt. Höchst interessiert und aufmerksam befragte die Bürgerjury in Sikasso während ihres Treffens ein gutes Dutzend Experten aus Westafrika, Südafrika, Indien und Europa. Die Molekularbiologen, Agraringenieure, NGO-Vertreter und Delegierten der Bauernbewegungen beantworteten diverse Fragen zu Vor- und Nachteilen von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen: zu den Risiken für Umwelt und Gesundheit, zum tatsächlichen Produktivitätszuwachs, zu sozioökonomischen Faktoren, zu ethischen und juristischen Fragen; auch die kulturellen Implikationen waren ein Thema. GVO heißt auf Bambara "Baieereemaschi" (veränderte Nährmutter). Da die animistische Weltsicht im überwiegend muslimischen Mali noch sehr präsent ist, sorgte allein schon der schiere Vorgang, ein Gen von einem Organismus in einen anderen zu übertragen, bei nicht wenigen Zuhörern für Beunruhigung. Debattiert wurde auch die überaus wichtige Problematik der geistigen Eigentumsrechte und der Patentierung. Jeanne Joudjuhekpon, Genetikerin bei der Organisation Grain, kam auf das Thema zu sprechen: "Die Bt-Saat ist patentrechtlich geschützt, was den Firmen absolute Macht über die Landwirte gibt. Die Kleinbauern haben nicht mehr das Recht, einen Teil der eigenen Ernte im nächsten Jahr auszusäen, wie sie es immer getan haben. Tun sie es dennoch, drohen ihnen juristische Sanktionen." Das Argument traf ins Schwarze, zumal der westafrikanische Baumwollsektor in der Krise steckt, woran Mamadou Goïta, Leiter der "Koalition gegen GVOs und für den Schutz des genetischen Erbes in Mali" noch einmal erinnerte. Die Textilgesellschaft von Mali (CMDT), die zu 60 Prozent dem Staat, zu 40 Prozent dem französischen Unternehmen Dagris gehört, schreibt seit der Abwertung des CFA-Franc und dem Einbruch der Weltmarktpreise rote Zahlen, obwohl die jährliche Erzeugung zwischen 1994 und 2005 von 320 000 auf 600 000 Tonnen angewachsen ist. Biobaumwolle für die europäischen Verbraucher Bis 2008 muss die CMDT privatisiert werden, sonst blockiert die Weltbank jede weitere Hilfe. Wegen des Bilanzdefizits sank der Kilopreis, den die CMDT den Landwirten zahlt, von 210 CFA-Franc 2004 auf 160 CFA-Franc 2006 (dies entspricht 0,25 Euro), während die Kosten für chemische Hilfsmittel weiter anstiegen. Unter solchen Bedingungen ist der Baumwollanbau nicht mehr rentabel. Viele Bauern, die über Jahre nur Baumwolle angebaut haben, denken darüber nach, auf Hirse und Mais umzustellen. Mamadou Goïta hat einen anderen Vorschlag: "Wir sollten umsatteln und biologische Baumwolle anbauen, um Zugang zu EU-Märkten zu erhalten, wo die öffentliche Meinung die Genmanipulation ablehnt. In jedem Fall sind die Kräfteverhältnisse sehr ungünstig, vor allem wegen der Dumpingpolitik der Vereinigten Staaten, die ihre 25 000 Baumwollfarmer alljährlich mit 4 Milliarden Dollar subventionieren, während in Mali über 3 Millionen Menschen vom Baumwollanbau leben." Die multinationalen Konzerne folgten der Einladung der Bauernjury nicht. "Wir haben die Syngenta-Stiftung und Monsanto mehrfach angeschrieben", sagt Barabara Bordogna, Biologin beim Interdisziplinären Netz für Biosicherheit in Genf (RIBios) und Mitglied des Ecid-Lenkungsausschusses, "aber die Firmen schrecken vor einer Beteiligung an einem offenen und transparenten Diskussionsprozess, den sie nicht kontrollieren können, offenbar zurück." Monsanto empfahl immerhin einige Landwirte, die von positiven Erfahrungen mit GVOs berichten konnten. So reiste aus Südafrika der Zulu-Bauer T. J. Buthelezi an, der seit 1996 Bt-Baumwolle anbaut, und versicherte, das Ergebnis lasse nichts zu wünschen übrig. Er berichtete, dass bei einer Überschwemmung die mit transgener Baumwolle angesäten Anbauflächen intakt geblieben, während die herkömmlichen Pflanzen eingegangen seien. Seither baue er nur noch GVOs an, auch genveränderten Mais, den er selbst esse, ohne dass gesundheitliche Beschwerden aufgetreten seien. "Macht es wie ich, bereichert euch", rief er den Bauern Malis zu. Zu einem ganz anderen Schluss gelangte P. V. Satheesh aus dem zentralindischen Bundesstaat Andhra Pradesh in ihrer Dreijahresstudie. Die Ernteerträge bei herkömmlichen Baumwollsorten seien durchweg höher gewesen als die Erträge auf den transgenen Versuchsfeldern, wobei die Bt-Varietät kaum weniger Pestizide benötigt habe als die herkömmlichen Sorten. Der hohe Bt-Saatgutpreis in Verbindung mit enttäuschenden Erträgen habe viele Kleinbauern ruiniert. Da Monsanto alle Entschädigungsforderungen kategorisch ablehnte, habe die Regierung von Andhra Pradesh dem Unternehmen jede weitere Aktivität in ihrem Hoheitsgebiet untersagt. Außer diesen diametral entgegengesetzten Positionen waren auf dem Bürgerforum auch Zwischentöne zu hören. So auch die von Ouola Traoré, Agronom und Leiter des Baumwollprogramms am Nationalen Institut für Umweltfragen und agronomische Forschung (Inera) in Burkina Faso, wo Bt-Baumwolle seit 2003 getestet wird - mit der Perspektive, die transgene Varietät nach 2010 einzusetzen: "Nur durch gründliche Forschungen über die an unser Klima angepassten lokalen Varietäten lässt sich bestimmen, ob die GVOs für Westafrika eine Zukunftslösung darstellen", erklärte Traoré. Sein Plädoyer für unabhängige afrikanische Forschungen im Rahmen staatlicher Institutionen kam bei der misstrauischen Zuhörerschaft jedoch schlecht an. Auch ihr war bekannt, dass die wissenschaftlichen Institute des Kontinents von finanziellen Zuschüssen der internationalen Biotechlobby abhängen. Die Jury bildete mehrere Arbeitsgruppen - in einer saßen ausschließlich Frauen. Nach eintägiger Beratung gaben sie ihre Empfehlung bekannt: Nein.(3) Einstimmig lehnten die in Sikasso versammelten Bauern die Einführung von GVOs in Mali ab und befürworteten stattdessen den Erhalt und den Ausbau der lokalen Saattechniken, um nicht in Abhängigkeit von den Multis zu geraten: "Wir wollen die Herren unserer Felder bleiben, wir wollen keine Sklaven werden", bekräftigte Brahim Sidebe, einer der Bauernsprecher. Birama Kone legte den Akzent auf den Erhalt der konvivialen Lebensweise: "Unsere Bauern sind es gewohnt, sich gegenseitig zu helfen. Es besteht die Befürchtung, dass durch die GVOs der Sinn für Freundschaft und Solidarität zerstört wird. Wenn ich ein GVO-Feld habe, mein Nachbar aber nicht, wird es wegen der Gefahr der Kontaminierung früher oder später Konflikte zwischen uns geben." Die Frauendelegierte Basri Lidigoita empfahl eine Neuausrichtung der Forschung, um die lokalen Saaten mit klassischen agronomischen Verfahrensweisen zu verbessern und die Kleinbauern besser auszubilden - insbesondere in den Methoden der biologischen Landwirtschaft. Am 29. Januar übergab die Bürgerjury ihre Empfehlungen dem Regionalparlament von Sikasso. Die Lokalradios hatten täglich über die Debatten berichtet und veröffentlichten nun ebenso wie das malische Fernsehen die Schlussfolgerungen, zu denen die Jury gelangt war. Die Empfehlungen haben zwar keine zwingende Wirkung, doch da Mali das Cartagena-Protokoll über Biodiversität(4) unterzeichnet hat, steht einer Umsetzung der Empfehlungen eigentlich nichts im Wege. Der Gesetzentwurf, der sich an das Protokoll anlehnt, sieht vor, dass die Bürger landesweit ein Mitspracherecht haben, bevor es zu einer Einführung von GVOs kommen kann. "Wir wollen keine GVOs", rief Lidigoita den Zuhörern zu, "und wir verlangen von der Regierung, dass sie die Einführung in unserem Land verhindert. Wenn es Bauern geben sollte, die rechtswidrig GVOs anbauen, werden wir ihre Felder abbrennen!" Fußnoten: (1) Hier ist vor allem das Interdisziplinäre Biosicherheits-Netzwerk (RIBios) zu nennen, das an den Universitäten Genf und Lausanne sowie in Kürze auch in Bamako Fortbildung in Biosicherheit anbietet (www.ribios.ch). (2) Dazu Tom Amadou Seck, "Subventionen gegen Afrika", Le Monde diplomatique, Dezember 2005. (3) www.iied.org/NR/agbioliv/documents/RecommendationsEng.pdf. (4) Das "Protokoll von Cartagena über die biologische Sicherheit", das dem "Übereinkommen über die biologische Vielfalt" angegliedert ist, zielt laut Art. 1 darauf, zur "Sicherstellung eines angemessenen Schutzniveaus bei der sicheren Weitergabe, Handhabung und Verwendung der durch moderne Biotechnologie hervorgebrachten lebenden veränderten Organismen, die nachteilige Auswirkungen auf die Erhaltung und nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt haben können, beizutragen, wobei auch Risiken für die menschliche Gesundheit zu berücksichtigen sind und ein Schwerpunkt auf der grenzüberschreitenden Verbringung liegt". Aus dem Französischen von Bodo Schulze * Roger Gaillard ist Journalist bei der Agentur InfoSud und lebt in Genf. Le Monde diplomatique vom 13.4.2006, S. 18-19 From 078222664-0001 at t-online.de Fri Apr 14 21:28:51 2006 From: 078222664-0001 at t-online.de (Klaus Schramm) Date: Fri, 14 Apr 2006 21:28:51 +0200 Subject: [Gen-Info] Argentinien Message-ID: <1FUTyN-0KuGY50@fwd33.sul.t-online.de> Hallo Leute! Hier noch ein Artikel zur (verheerenden) Situation in Argentinien - aus derselben Ausgabe der 'Le Monde diplomatique'. (Das wesentliche war bereits in einem Artikel über Brasilien zu lesen, der über diese Mailing-Liste lief.) Ciao Klaus Schramm klaus.schramm at bund.net Die Ölfrucht, die goldene Eier legt In Argentinien boomt der Anbau von Gensoja von Pierre-Ludovic Viollat* Die Bevölkerung der argentinischen Stadt Puerto San Martin lebt im Rhythmus der Sojaernte. Zwischen März und Juni kommt es in einigen Stadtteilen zu gravierenden Verkehrsstörungen, weil die mit den kostbaren Ölfrüchten beladenen Lastwagen die Hauptverkehrsadern verstopfen. Puerto San Martin liegt am Ufer des Panama. Von hier aus werden 70 Prozent der Sojaexporte verschifft. Niemand beklagt sich, denn die Sojawirtschaft fördert die Entwicklung der Region und sichert Arbeitsplätze. Die mächtige Hafenbetriebskooperative denkt darüber nach, wie in die Erweiterung der Hafenanlagen zu investieren sei. Ihr Vorsitzender Herme Juarez weiß, was die Zukunft bringen wird: "Arbeit. Immer mehr Arbeit. Wirklich beeindruckend!" Soja ist die Erfolgsgeschichte des Landes. Besser gesagt: transgene Soja, denn fast die gesamte Sojaproduktion Argentiniens besteht inzwischen aus genetisch veränderten Varietäten. Die Geschichte begann 1996, als der US-Saatgutkonzern Monsanto seine berühmt-berüchtigte "Roundup Ready" (RR) in Argentinien einführte. Das Besondere an dieser Sojasorte ist ein Gen, das dafür sorgt, dass die Pflanzen das ebenfalls von Monsanto entwickelte hochwirksame Herbizid "Roundup" überleben. Das Verkaufsargument ist einfach: weniger Aufwand, geringere Kosten, höhere Erträge. In den Folgejahren verzeichnete RR-Soja exponentielle Wachstumsraten, ein Aufschwung, der von der US-amerikanischen Firma gut geplant war. "Von Anfang an hat sich Monsantos für seine umfangreichen Experimente mit transgenen Saaten bewusst Argentinien ausgesucht", erklärt Jorge Rulli, Gründer der Landwirtschaftlichen Reflexionsgruppe. "In unserem Land hat Monsanto sein Saatgut nicht patentieren lassen. So haben die Leute den Samen untereinander weitergeben können; deshalb hat sich die transgene Anbaufläche schnell ausgedehnt." Den Geschäften des US-Konzerns konnte das nicht schaden, da die Landwirte ja das Herbizid kaufen mussten. Doch dies reichte Monsanto noch nicht, um den Erfolg seines Saatguts zu sichern. "Sie verkauften das Herbizid zu einem Drittel des Preises, der in anderen Ländern gilt. Die US-amerikanischen Bauernverbände beschwerten sich, Monsanto würde uns Argentinier subventionieren. Was zutrifft: Wir wurden tatsächlich subventioniert." Eine Sojasorte für die Pampa Auch externe Faktoren trugen zum raschen Aufschwung des Anbaus von transgener Soja bei, allen voran die besorgniserregende Bodenerosion im fruchtbarsten Landesteil, in der Pampa. Monsanto-Soja kann ohne Umgraben des Ackerlands angebaut werden, sodass das Problem kurzfristig gelöst scheint. Ein weiterer Faktor war, dass wegen des Rinderwahnsinns das Tiermehl vielfach durch Sojakuchen ersetzt wurde. Die Sojapreise stiegen, das Interesse der argentinischen Landwirte war geweckt. Schließlich verwandelte die 70-prozentige Abwertung des Pesos im Januar 2002 in Verbindung mit starken Preissteigerungen auf dem Weltmarkt - aufgrund der wachsenden Nachfrage aus China - die Ölfrucht in ein Huhn, das goldene Eier legt. Dies alles trug dazu bei, dass sich das Gesicht der argentinischen Landwirtschaft innerhalb weniger Jahre von Grund auf veränderte. Der Run aufs "grüne Gold" machte die Soja zur häufigsten Anbaupflanze des Landes. Wurden zu Beginn des Booms 1996 6 Millionen Hektar mit Soja bestellt, so sind es heute bereits 15,2 Millionen Hektar, mehr als die Hälfte der Gesamtanbaufläche.(1) Heute, zehn Jahre nach Einführung der transgenen Varietät, kann man eine erste Zwischenbilanz ziehen. Die fällt bei weitem nicht so positiv aus, wie man in Argentinien gerne glauben möchte. Eines der Hauptprobleme heißt Entwaldung. "Die transgene Soja ist zwar nur ein weiteres Kapitel in der Expansion der industriellen Landwirtschaft, in ihren Folgen aber am verheerendsten", meint Emiliano Ezcurra, Leiter der Greenpeace-Kampagne. "Die Entwaldung schreitet heute weit schneller voran als während des ,Baumwollfiebers' oder des ,Zuckerrohrfiebers'. Die Bulldozer machen ganze Waldgebiete buchstäblich platt." Das gravierendste Problem liegt jedoch darin, dass beim Anbau von transgener Soja die Landwirte sinnvollerweise nur ein spezielles Herbizid einsetzen, eben jenes Glyphosat, das Monsanto unter dem Markennamen "Roundup" vermarktet. Die US-Umweltschutzbehörde EPA nennt in ihrem Datenblatt detailliert die bei hoher Belastung zu erwartenden Gesundheitsschäden: auf kurze Sicht "Lungenstauung und Beschleunigung der Atmung", auf lange Sicht "Nierenschäden und Auswirkungen auf die Fortpflanzung"(2). Der in Buenos Aires praktizierende Arzt Jorge Kaczewer wertet seit mehreren Jahren wissenschaftliche Arbeiten über die gesundheitsschädliche Wirkung von Glyphosat aus. Fürseine Patienten hält er ein Informationsblatt über die Symptome einer Herbizidvergiftung bereit: "Haut- und Augenjucken, Übelkeit und Schwindelgefühl, Lungenödeme, sinkender Blutdruck, allergische Reaktionen, Unterleibsschmerzen, massiver Flüssigkeitsverlust im Magen-Darm-Bereich, Erbrechen, Ohnmacht, Zerstörung der roten Blutkörperchen, anormale Elektrokardiogramme, Nierenschäden und Nierenversagen"(3). Eine wichtige Kleinigkeit: Glyphosat wird den Landwirten nicht in Reinform verkauft. "Den handelsüblichen Produkten sind inerte Inhaltsstoffe zugesetzt, die dafür sorgen, dass der Wirkstoff von den Pflanzen besser aufgenommen wird", erklärt Kaczewer. Auch diese Beigaben wirken sich unter Umständen negativ auf die Gesundheit aus. Die größten Sorgen bereitet dem Mediziner aber ihre Vermischung mit Glyphosat: "Durch das Zusammenwirken der beiden Stoffe entwickeln sich ganz andere Symptome, die sich aus der jeweiligen Symptomatik der einzelnen Produkte nicht erklären lassen." Anfangs wurde das Herbizid vom Flugzeug aus versprüht, sodass es sich über die Grenzen der Felder hinaus verbreitete und noch in einem Umkreis von Dutzenden, mitunter hunderten von Metern nachweisbar war. Resultat: Die gegen Glyphosat nicht resistenten Pflanzen auf den benachbarten Feldern gingen ein, und die oft nur wenige Meter von den Feldern entfernten Wohnhäuser und Gärten wurden in Mitleidenschaft gezogen. Zwar sind heute Bodenmaschinen an die Stelle der Flugzeuge getreten, doch die Landarbeiter, die sich in ihrer Armut weder Schuhe noch Handschuhe leisten können, sind dem Herbizid weiterhin schutzlos ausgesetzt. "Einer meiner Patienten bildet noch nach einmonatiger Behandlung keine neue Haut an den Füßen", berichtet Darío Gianfelici, der in der von Sojaplantagen umgebenen Kleinstadt Cerrito praktiziert. "Niemand schützt sich. Die Leute kapieren es einfach nicht." So freimütig wie Gianfelici, früher Krankenhausdirektor, sprechen seine Kollegen lieber nicht über dieses Thema. Vielleicht liegt seine Offenheit daran, dass er schon pensioniert ist. "Vor einigen Jahren", so Gianfelici, "erhielt ich wiederholt Anrufe vom Gesundheitsamt der Provinz. Ich würde große Probleme bekommen, wenn ich weiter so reden würde." Der Arzt ließ sich nicht beirren und hielt weiter Vorträge auf Tagungen. Allerdings weiß er, dass Monsanto ihm manchmal nachreist. "Einmal hielt ich einen Vortrag in einer Stadt im Süden der Provinz und erfuhr kurz darauf, dass Monsanto zwei oder drei Monate danach am gleichen Ort einen Informationstag organisierte. Mit entgegengesetzter Botschaft natürlich, entworfen von einem Kommunikationsexperten und einem Grafikdesigner und mit eigens aus Europa angereisten Ingenieuren. Sie verteilten Buntstifte, T-Shirts und Fähnchen in Monsanto-Farben. Dagegen müssen wir dann antreten." Die Landwirte haben andere Sorgen: zum Beispiel die Konzentration des Grundbesitzes, die sich seit der Ankunft der gentechnisch veränderten Sorten stark beschleunigt hat. "Während die Sojaproduktion zunimmt, geht die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe zusehends zurück", kommentiert Alfredo Bel, Agraringenieur beim Argentinischen Agrarverband FAA. "Die Soja schließt die kleinen und mittleren Erzeuger aus." Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe ist von 1988 bis 2002 von 422 000 auf 318 000 gesunken, ein Rückgang um 25 Prozent. Der Einsatz von Herbiziden ist sogar gestiegen Auch die Bodenerosion macht erneut Probleme. Walter Pengue, Agraringenieur an der Universität Buenos Aires, und Miguel Altieri von der Berkeley University beschrieben die katastrophalen Folgen des Anbaus von transgener Soja in Lateinamerika folgendermaßen: "In Argentinien führte der Anbau zu einer massiven Auslaugung des Bodens. Nach Schätzungen entzog der fortgesetzte Sojaanbau dem Boden allein im Jahr 2003 rund eine Million Tonnen Stickstoff und 227 000 Tonnen Phosphor. Ein Ersatz durch Düngemittel würde laut verschiedenen Evaluierungen 910 Millionen Dollar kosten."(4) Darüber hinaus zerpflücken die beiden Forscher das Argument der Firma Monsato, transgene Soja benötige geringere Herbizidmengen. "Während die Fürsprecher der Biotechnologien behaupten, eine einmalige Anwendung von Roundup pro Saison sei ausreichend, zeigen verschiedene Untersuchungen, dass der Herbizideinsatz in Regionen mit transgener Soja insgesamt gestiegen ist."(5) Der fehlende Fruchtwechsel und die ständige Verwendung desselben Herbizids bei immer höherer Dosierung machen das Unkraut über kurz oder lang resistent gegen das Pflanzengift. "In der Pampa sind bereits acht Unkrautsorten gegen Glyphosat resistent." Das ist das Forschungsergebnis von Walter Pengue. Damit beginnt der bekannte Teufelskreis: Um die natürliche Anpassungsfähigkeit der Schadpflanzen zu bekämpfen, muss die Herbizidmenge so lange ständig erhöht werden, bis Monsanto oder ein Mitbewerber irgendwann ein neues, stärkeres und wohl auch noch giftigeres Produkt auf den Markt bringt. Ohne einen radikalen Kurswechsel wird die transgene Soja ihren Siegeszug im ganzen Land fortsetzen. Jüngste Zahlen deuten darauf hin, dass die Anbaufläche für transgene Soja im laufenden Jahr um 5,6 Prozent zunehmen wird. Die Fürsprecher reiben sich die Hände. So auch Clive James, Vorsitzender des International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Applications (ISAAA), im letzten Jahresbericht des Verbands: "Der wachsende Einfluss der fünf wichtigsten Entwicklungsländer (China, Indien, Argentinien, Brasilien und Südafrika) wirkt sich weltweit positiv auf die Übernahme und Akzeptanz der biotechnologischen Landwirtschaft aus." Die Botschaft ist klar: Der Anbau transgener Sorten ist in Ländern, in denen sie genehmigt sind, mit Hochdruck voranzutreiben, um die genfeindlichen Länder unter Druck zu setzen. Die Entwicklung neuer Technologien auf der Grundlage genetischer Erkenntnisse folgt dem Imperativ des Profits. Sogar die UN-Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation (FAO), deren erklärtes Ziel die weltweite Ausrottung des Hungers ist, unterstreicht diesen Zusammenhang in ihren Veröffentlichungen. Zwar räumt die Organisation ein, dass gentechnisch veränderte Sorten auch zur Bekämpfung des Hungers in der Welt eingesetzt werden könnten, beklagt jedoch, dass dies zehn Jahre nach Einführung dieser Sorten noch immer nicht der Fall sei. In ihrem Jahresbericht 2003/2004, der sich an zentraler Stelle mit Biotechnologien in der Landwirtschaft beschäftigt, kritisiert die FAO, dass gentechnisch veränderte Varietäten allein mit kommerzieller Zielsetzung entwickelt werden. "Die Forschung über transgene Anbaupflanzen erfolgt überwiegend im Rahmen transnationaler Privatkonzerne. Dieser Sachverhalt hat schwerwiegende Konsequenzen für die Ausrichtung der Forschungsarbeiten und die entwickelten Produkte. [...] Pflanzen und Eigenschaften, die für die Armen von Interesse wären, werden vernachlässigt."(6) Die argentinischen Landwirte scheinen diese Profitlogik allmählich zu begreifen. Jetzt, wo die transgenen Sorten das Land erobert haben, verlangt der US-Konzern von den Argentiniern plötzlich Lizenzgebühren für das Saatgut und ist in einigen Fällen bereits vor Gericht gegangen, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen. Fußnoten: (1) Offizielle Angaben über das Landwirtschaftsjahr 2005/2006, Secretaría de Agricultura, Ganaderíe, Pesca y Alimentos de la República Argentina, 16. Januar 2006. (2) www.epa.gov/safewater/dwh/c-soc/glyphosa.html. (3) Dieselben Symptome zeigen kolumbiansche Bauern, die Opfer der Glyphosat-Ausbringung auf Kokaplantagen wurden. (4) Miguel A. Altieri u. Walter A. Pengue, "GM Soya Disaster in Latin America: Hunger, Deforestation and Socio-Ecological Devastation", Institute of Science in Society, London, 6. September 2005. (5) Dazu die Arbeiten von Charles Benbrook, namentlich seine bahnbrechende Studie "Troubled Times Amid Commercial Success for Roundup Ready Soybeans. Glyphosate Efficacy is Slipping and Unstable Transgene Expression Erodes Plant Defenses and Yields", Northwest Science and Environmental Policy Center, Sandpoint, Idaho, 3. Mai 2001. (6) FAO, La Situation mondiale de l'alimentation et de l'agriculture. Les biotechnologies agricoles: une réponse aux besoins des plus démunis?, Rom 2004. Aus dem Französischen von Lilian-Astrid Geese * Pierre-Ludovic Viollat ist Journalist. Le Monde diplomatique vom 13.4.2006, S. 23